Ausstellungs- Review: Kontroversen. Justiz, Ethik und Fotografie

Ausstellungs- Review: Kontroversen. Justiz, Ethik und Fotografie

„Menschen mit labiler emotionaler Konstitution wird vom Besuch der Schau abgeraten.“ Eines ist sofort klar, für zart besaitete Menschen ist die Ausstellung „Kontroversen. Justiz, Ethik und Fotografie“ im Kunst Haus Wien nichts.  Warum es sich trotzdem lohnt, einen Besuch zu wagen, lesen Sie hier.

 

Ab 4. März kann man im KunstHausWien die Ausstellung „Kontroversen. Justiz, Ethik und Fotografie“ bestaunen. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld zwischen ethischen und rechtlichen Fragen der Fotografie. Darf man sterbende oder nackte Menschen ablichten, auch ohne ihr Einverständnis? „Eine Pauschalantwort hierfür gibt es nicht“, weiß Jurist Gabriel Lansky, denn die Antwort auf diese Frage ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Alle der rund 100 Bilder der Ausstellung erzählen eine Geschichte und dank der Beschilderung weiß der Besucher auch, wie in diesem speziellen Fall die rechtliche Lage ausgesehen hat.

Eines der Bilder erzählt die Geschichte des sterbenden Bismarck, der von den Fotografen Priester und Wilcke knapp vor seinem Ableben abgelichtet wurde. Den Zutritt zum Sterbebett verschafften sich die beiden durch Einbruch und mussten deswegen einige Jahre im Gefängnis verbüßen. Ein Bild, das damals wie heute für Aufregung sorgte und die Frage aufwirft, wie weit ein Fotograf gehen darf.

Ein weiteres sehr heikles Thema, das die Ausstellung behandelt, ist die der „Kinderpornografie“. Darf man Kinder kunstvoll nackt inszenieren? Eines der Bilder, die  diese Thematik behandeln, ist die Fotografie der drei Geschwister Christina, Misty und Alisa, die in einer Nudistenfamilie aufgewachsen sind. Der Fotograf Jock Sturges arrangiert das Bild mit Einverständnis der Eltern. Als er jedoch die Fotos entwickeln lässt, verständigt das zuständige Labor die Polizei, seine Wohnung wird durchsucht und einige Bilder beschlagnahmt. Der Prozess gegen ihn wird jedoch nach Jahren fallen gelassen. Jedoch bleibt die Frage: Wie kann man das durch und durch menschliche, ungeformte und berührende Wesen eines nackten Kindes in einer Fotografie zum Ausdruck bringen, ohne dabei die Würde des Kindes zu verletzen?

Eines der berührendsten Bilder der Ausstellung erzählt das Schicksal von Omayra Sanchez, eines kleinen kolumbianischen Mädchens, das nach dem Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz bis zum Oberkörper verschüttet ist. Nach tagelangen Versuchen, das Mädchen zu befreiten, stirbt sie schließlich an Herzversagen. Der Fotograf Frank Fournier erkennt, dass er ihr nicht helfen kann, und aus dieser Ohnmacht heraus beschließt er sie zu fotografieren, um ihr Schicksal zu dokumentieren. Für das Foto erhält er sogar den World Press Photo Award. Doch ihn quälen auch heute noch Zweifel. Ist es möglich, Leiden zu zeigen, ohne dabei die Würde der Leidenden zu verletzen?

Diese Frage spiegelt die Grundintention der Ausstellung wieder: Wie weit darf ein Fotograf gehen? Wo beginnen die Grenzen, sowohl  aus ethischer als auch aus rechtlicher Sicht? Dass sich hier die Geister scheiden, ist genau so selbstverständlich wie, dass die verschiedenen Kulturen, in denen die Bilder erscheinen, eine wichtige Rolle bei der Beantwortung dieser Fragen spielen.

Genau diese Kontroversen spiegelt die Ausstellung in faszinierendem Facettenreichtum wieder. Wer Antworten auf diese Fragen haben möchte, sollte es sich nicht nehmen lassen, die Bilder im Kunst Haus Wien zu bestaunen.

- Hannah Poppenwimmer

Share the love!
    Posted in Kunst & Kultur, Veranstaltungen |

    Leave a comment

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


    *