Schrittmacher: Narrenturm

Schrittmacher: Narrenturm

Der Narrenturm. Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Vom Apothekerwesen und Tumoren bis hin zu anschaulich gestalteten Nachbildungen von Geschlechtskrankheiten – im Narrenturm gibt es vieles zu sehen. VIENNARAMA hat sich auf den Weg gemacht und getestet, wie sehr einem die Ausstellung auf den Magen schlägt.

18_Club45007_JPEGSchon von Weitem sieht man den Narrenturm. Seit 1796 steht der Turm im heutigen Gelände des alten AKH. Durch seine teils bröcklige Fassade zaubert er eine ganz eigene Stimmung und man ist sich nicht ganz sicher, was einen erwarten wird. Gerüchte gibt es ja viele: von Menschen, die sich beim Anblick mancher Ausstellungsstücke übergeben mussten und danach leicht verstört waren. Dementsprechend heftige Dinge erwartet man beim Betreten des Gebäudes. Dort wird man von einem Herren im weißen Kittel herzlich empfangen und in das System eingewiesen. Denn die Karten werden nicht bei der Kasse gekauft sondern bei einem Automaten. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist man dann im Bereich der Schauausstellung. Das Abenteuer kann beginnen.

Gleich zu Beginn sieht man die verschiedensten Arten von Tuberkulose. Zerfressene Gesichter lassen erahnen, wie schlimm diese Krankheit sein kann. In verschiedenen Gläsern sieht man eingelegte Lungen und Mägen und deren Befall.  Weiter geht es zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Wer also wissen will, welche Ausmaße Condylomata acuminata, umgangsprachlich Feigwarzen, annehmen können, sollte sich einen Besuch nicht entgehen lassen. Starke Nerven muss man jedoch haben, dass man nicht sofort ins Kloster geht. Wenn man das verdaut hat, kommt ein bunter Mix aus Tumoren, Orthopädie und Gynäkologie. Mitten am Gang sieht man einen weiblichen, gebärenden Unterleib, wobei das Baby mit den Füßen zuerst kommt und man deswegen den Bauch aufschneiden muss um das Kind zu holen. Nachgebildet in Wachs versteht sich.

Doch nicht nur echte Präparate und nachgebildete Skulpturen kann man im Narrenturm betrachten. Auch attachmentoriginalgetreue  Zimmer wie ein altes Apothekerzimmer oder eine Wunderkammer kann man betrachten. Es ist ein leicht verwirrendes Konzept, denn man springt nicht nur von Krankheiten zu Abhandlungen über die Geschichte des Narrenturms. Nein, dieser dient auch als Ausstellungsort für Kunst. So findet man neben Geburtszangen und einem Skelett eines Kindes mit Wasserkopf Art Brut-Kunst, so genannte Outsider Art. Dies sorgt manchmal für Verwirrung, denn in Gedanken ist man gerade noch dabei eine massive Fettleber zu verarbeiten und schon ist man bei einer Kunstinstallation. So großartig es auch ist behinderten Künstlern Raum zu geben um ihre Kunst zu präsentieren, so sehr wünscht man sich hier eine klare Trennung und Struktur.

Summa summarum ist die Ausstellung nicht annährend so fürchterlich, wie man es erwartet hat, und auch Menschen mit schwachen Nerven kann sie ans Herz gelegt werden. Informativ statt erschreckend. Wem die Informationen vorort nicht genügen, der kann an einer Führung teilnehmen und interessantes Hintergrundwissen ergattern. Das Konzept der Ausstellung ist leicht verwirrend und die Beschriftungen eher unstrukturiert platziert, für € 2 Eintritt ist ein Besuch im Wiener Narrenturm jedoch zu empfehlen.

Nächsten Monat geht es bei VIENNARAMA gemütlicher zu, denn auf dem Programm steht: Das Möbel. Ein Lokal zum Entspannen, Freunde-Treffen und Feiern. Ob das auch wirklich stimmt, werden wir herausfinden.

 

Photocredits: Narrenturm

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