Theater-Review: Was ihr wollt

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Die Crème de la Crème des Burgtheater-Ensembles lässt Burgtheater-Direktor und Regisseur Matthias Hartmann auflaufen, um William Shakespeares „Was ihr wollt“ (Original: „Twelfth Night or, What You will“) opulent in Szene zu setzen. Mit Erfolg. Das Burgtheater zeigt, was es kann. Viennarama-Redakteur Martin Oppenauer lachte sich dabei fast zu Tode. Selbst für Theatermuffel ein heißer Tipp!

Mobbing, Verleumdung, üble Nachrede, Dokumentenfälschung, Ruhestörung, sexuelle Belästigung. Die Liste der Delikte in „Was ihr wollt“ ist lang. Vermischt mit Liebe, Sehnsucht, Missgunst und Agonie ergibt sich der Stoff aus dem William Shakespeares erotisches und humorvolles Intrigen- und Verkleidungsspiel gemacht ist. Matthias Hartmann hat daraus dreiundhalb erfrischende Theaterstunden gemacht und bewiesen, dass er ein gutes Händchen für Shakespeare haben kann.

Der Narr bläst zum Sturm
Der Vorhang ist bereits vor Vorstellungsbeginn geöffnet. Während sich die letzten Gäste den Weg zu ihren Plätzen

Michael Maertens und  Nicholas Ofczarek

Michael Maertens und Nicholas Ofczarek

bahnen, betritt ein vornehmlich gekleideter Herr die Bühne. Es ist der Narr Feste (gespielt von Sven-Eric Bechtolf) mit Verstärker und Mikrofon. Völlig unvermittelt beginnt Feste zunächst leise, dann immer lauter werdend ins Mikro zu blasen. Sturmböen. Raue See. Regen. Der Theaterabend ist eröffnet. Ein großer Ventilator am rechten Seitenrand ergänzt, Plastikflaschen werden quer über die Bühne gepeitscht. Wir befinden uns vor der Küste Illyriens – ein Phantasieort Shakespeares. Viola (gespielt von Katharina Lorenz) war in Seenot geraten, verlor dabei ihren Zwillingsbruder Sebastian (Simon Kirsch) aus den Augen und wurde von einem Kapitän (Bernd Birkhan) aus dem Wasser gefischt. Vom Kapitän erfährt Viola, dass ein tugendhafter Junggeselle, von dem bereits ihre Eltern schwärmten, das Land regiert.

Karsten Riedel rockt Shakespeare
Der Regent, Herzog Orsino (Fabian Krüger), ist blind vor Liebe und Sehnsucht. Sein Herz gehört Gräfin Olivia (Dörte Lyssewski), die den Tod ihres vielgeliebten Bruders nicht ertragen kann und sich selbst ein Leben der Enthaltsamkeit auferlegt. Da Musik für Orsino „der Liebe Nahrung ist“, lässt er gleich zu Beginn seinen Haus- und Hofmusiker Curio (Karsten Riedel) aufspielen. Mit vertonten Shakespeare-Sonetten weiß Karsten Riedel dabei nicht nur atmosphärisch, sondern auch musikalisch mit melancholischen und tragikomischen Melodien auf Klavier und Gitarre (zum Teil mit rockigem Distortion-Sound) aufzutrumpfen.


Mittlerweile hat sich die kahle Bühne in ein Theater verwandelt. Ein Rosenhecken-Vorhang im Hintergrund, ein sich transformierendes, riesiges Rokoko-Bild in einem Goldrahmen inmitten der Bühne sowie gelbe und blaue Samtvorhänge dienen fortan als Rahmen der illyrischen Irrungen. Eine lustvolle Fusion des herzöglichen Ballsaals mit den Rosengärten Olivias.

Sven-Eric Bechtolf

Sven-Eric Bechtolf

Bühnenbild als lustvolle Fusion

Meyerhoff mit Bürstenhaarschnitt und gelben Strümpfen
Mit einer List schafft es die liebesdurstige Viola in Schuluniform verkleidet als der Kastrat Cesario an den Hof Orsinos. Orsino zweifelt nicht an Cesarios Identität und schickt ihn zu Olivia, um ihr einmal mehr Kunde seiner tiefsten Zuneigung zu bringen. Mavolio (Joachim Meyerhoff), Olivias verkorkster und illiberaler Haushofmeister mit Bürstenhaarschnitt, soll den Boten vor der Tür abweisen. Meyerhoff fühlt sich in dieser Rolle sichtlich wohl und spielt als pflichtversessener humorloser Puritaner im grauen Anzug auf. Dabei gerät er später selbst durch eine List von Olivias Dienstmagd Maria (Maria Happel) und der beiden Junker Sir Toby Rülp und Sir Andrew in eine vernagelte Kiste, in der er zum verrückten Zombie mutiert.

Ein scheinbar von Olivia geschriebener Liebesbrief führt Malvolio in die Irre und veranlasst ihn zu Verrücktheiten, die ebenfalls nur blinde Liebe mit sich bringen kann. Der im Brief erwähnten Aufforderung, in gelben Strümpfen sehe er besonders gut aus, trägt er freilich Rechnung und macht sich dadurch zum Narren. Seine Annäherungsversuche enden mit einer Kerkerstrafe, die er in einer Holzkiste absitzen muss. Dennoch bleibt er sich treu. „Das wird gemeldet!“, damit klagt er zuletzt auch das Publikum an.

Nachdem sich kein Mitglied des Hofes den listigen Argumenten des jungen Liebesboten Cesario gewappnet sieht, lässt

ihn die schwarz verschleierte Reederswitwe Olivia gewähren. Dabei beginnt sie selbst ein Auge auf den wohlproportionierten und charmanten Jüngling zu werfen und verliebt sich. Nun steht Viola alias Cesario zwischen den Stühlen und manövriert sich dabei in ein Identitätsdilemma. Katharina Lorenz beweist sich dabei als flexible Schauspielerin und schafft schlüssige Übergänge zwischen dem lakonischen Cesario und der liebesdurstigen Viola.

Der wahre Regent Illyriens
Als wahrer Regent Illyriens und der Verirrungen seiner Bewohner erweist sich der versoffene Junker und Onkel Olivias, Sir Toby Rülp (Nicholas Ofczarek). Nicht eine Sekunde nüchtern erlebt man den adeligen Strippenzieher. Seine Saufeskapaden mit dem unbeholfenen Sir Andrew (Michael Maertens) – eine Art Miniatur- Don-Quijote Illyriens, der selbst um die Gunst Olivias wirbt – verstricken die Wirrungen mehrmals. Ofczarek und Maertens avancieren dabei durch perfektes Schauspiel zum absoluten Highlight des Abends und

Maria Happel ,Katharina Lorenz und  Dörte Lyssewski

Maria Happel ,Katharina Lorenz und Dörte Lyssewski

ernteten, gemeinsam mit Joachim Meyerhoff und Sven-Eric Bechtolf, nicht nur die meisten Lacher, sondern auch den lautesten Applaus. Sven-Eric Bechtolfs (auch musikalische) Einlagen als verkannter, kluger und redegewandter Narr Feste, der Olivia und Orsino dient, besitzen ebenfalls Kult-Potential. Bechtolf besticht durch geistreichen Witz.

SWAT-Team und Quizshow
Hartmann setzt auch auf moderne Elemente. So wird etwa der Seemann Antonio (Oliver Masucci) – er wird als Liebhaber des von Viola verschollen geglaubten Zwillingsbruders Sebastian interpretiert – in Illyrien von einem Swat-Team aufgegriffen und eingesperrt. Weiters wird der eingesperrte Malvolio von Feste in Form einer Quizshow gedemütigt. Dabei liefen die Lachmuskeln auf Hochtouren.

Fazit
Matthias Hartmann hat mit „Was ihr wollt“ nicht zuletzt durch die hervorragende Besetzung ein lust- und listvolles Beziehungsspiel auf die Bühne gebracht, das trotz seiner Possierlichkeit, von plumpem Klamauk und revolverartigem Theaterslapstick weit entfernt bleibt. Das Burgtheater zeigt, was es kann. Enttäuschend war an diesem Abend nur das Publikum. Es verwehrte dem Ensemble trotz sichtlicher Begeisterung stehende Ovationen. Selbst Theatermuffel werden an der Inszenierung Freude finden.

Webtipps
www.burgtheater.at – Infos zum Programm des Burgtheaters
http://www.william-shakespeare.de/was_ihr_wollt/wasihr.htm – Shakespeares „Was ihr wollt“ (in der Übersetzung von Wieland; Hartmann inszenierte mit der Übersetzung von Elisabeth Plessen)
http://www.myspace.com/karstenriedel – Songs der Inszenierung finden sich auf der myspace-Seite von Karsten Riedel
http://www.shakespeares-sonnets.com/sonn02.htm – Shakespeare-Sonette

 

Foto-Copyright: Reinhard Werner, Burgtheater

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