Theater-Review: Der Parasit

Parasit1_Kirsten Dene_Michael Maertens_Yohanna Schwertfeger

„Der Parasit“ wird im Burgtheater als zeitloser Stoff mit viel Humor und Slapstick serviert. Michael Maertens traktiert die Lachmuskeln und stellt eindrucksvoll unter Beweis, wie selbst ein alter Text zeitgemäß, heiter und kurzweilig wirken kann. Martin Oppenauer war für viennarama am Premieren-Wochenende in der Burg und hat sich selbst ein Bild gemacht.

Arschkriecher, Leimrutenleger und Jenachdemer

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Arschkriecher, Leimrutenleger und Jenachdemer. Wer kennt sie nicht: die aalglatten Karrieremacher in Politik, Wirtschaft oder im eigenen Umfeld. Ob es den Menschen mit ehrlichen Absichten überhaupt geben kann und eine Karriere ohne opportunistische Kunstgriffe möglich ist, versucht Matthias Hartmann mit seiner Neu-Inszenierung derzeit am Burgtheater zu ergründen. Dort hatte am Silvester-Wochenende Friedrich Schillers Übersetzung von Louis-Benoit Picards geistreichem Lustspiel „Der Parasit, oder die Kunst, sein Glück zu machen“ Premiere. Hartmann ließ seinen Schauspielern dafür viel Gestaltungsfreiraum und bastelte eine kurzweilige und irrwitzige Slapstick-Komödie, die er sogar mit Elementen des epischen Theaters würzte. Michael Maertens war dabei voll und ganz in seinem Element.

Aufstieg und Fall eines „Shootingstars“
Selicour (Michael Maertens) ist ein Nichtskönner, der im französischen Parasit2_Michael MaertensAußenministerium das Amt des Gesandten in Venedig anstrebt. Dafür betrügt und lügt er, verschleiert behände sein Unwissen, lässt andere für sich schuften und sackt dabei selbst den Ruhm ein. Selicour ist ein Mann mit zwei Gesichtern: charmant und zuvorkommend zu jenen, die ihm nützlich sind, argwöhnisch und despektierlich zu allen anderen. Um die Gunst von Minister Narbonne (Udo Samel) zu gewinnen, gibt Selicour sogar vor dessen Mutter, Madame Belmont (Kirsten Dene), den Charmeur. Er schenkt ihr Logenkarten für das neueste Theaterstück und bringt Blumen. Freilich nimmt Madame Belmont die Komplimente gerne entgegen. Sie zeigt sich erkenntlich, empfiehlt Selicour Narbonne und seiner Tochter. Verblendet vom Auftreten des jungen „Shootingstars“ will niemand den Unkenrufen seiner Kritiker so wirklich trauen. Erst durch dessen proletarischen Vetter Robineau (Dirk Nocker) wird deutlich, wie wenig sich Selicour um seine eigenen Verwandten und sogar seine bedürftige Mutter schert.

Parasit5_Michael MaertensDer Feind schläft nicht
Selicours Widersacher sind nicht gering an der Zahl. Da wäre der Schöngeist Karl Firmin (Gerrit Jansen). Er macht Narbonnes Tochter, Charlotte (Yohanna Schwertfeger), den Hof und weiß, dass eigentlich seinem Vater Firmin (Johann Adam Oest) der berufliche Aufstieg vergönnt sein sollte. Charlotte, die Selicour ebenfalls nicht ganz traut, erwidert die Liebeleien Karl Firmins und verwehrt sich den Annäherungsversuchen Selicours. Der alte Firmin leistet ausgezeichnete Arbeit im Ministerium, übt sich allerdings in Bescheidenheit; sein Talent bleibt weitgehend unbemerkt und er verharrt auf seinem Posten. Durch seine Selbstlosigkeit verhilft er Selicour sogar fast zum endgültigen Durchbruch. Lediglich sein Sohn und La Roche (Oliver Stokowski) wissen um das Potential des braven Arbeitstiers. Sie drängen ihn dazu, endlich auch Ambitionen zu zeigen und mitzuhelfen, Selicour zu entzaubern. Erst im Schlussakt wird deutlich, dass sich Firmin indirekt doch an der Intrige gegen Selicour beteiligt.

Gerechtigkeit nur auf der Bühne?
La Roches und Karl Firmins Kampf gegen den Blender Selicour ist aber freilich nicht frei von Eigennutz. Während La Roche selbst nach Höherem strebt und Opfer der Schikanen Selicours wurde, befürchtet Karl Firmin Charlotte an den Parasiten zu verlieren; dabei wird er sogar selbst Opfer einer List und lässt sich um ein Gedicht betrügen. Erst durch eine List schaffen sie es Selicour vorzuführen. In der Schlussszene bedient sich Hartmann dann eines epischen Dramaturgiegriffs. Er zeigt drei verschiedene Enden, in dem er Narbonnes textliches Conclusio auf der Handlungsebene entschieden relativiert: „Das Gespinst der Lüge umstrickt den Besten, der Redliche kann nicht durchdringen, die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter als das geflügelte Talent, der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.” In der letzten Variante lässt Hartmann den Parasiten sogar unbehelligt davon kommen und selbst den Text sprechen. Damit reflektiert er den moralistischen Anspruch Schillers aus aktuellen Gesichtspunkten kritisch und gibt den Zuschauern wichtige Fragen mit auf den Weg. Selbst Parasiten beklagen Ihresgleichen, um über allen Verdacht erhaben zu scheinen.

Gagfeuerwerk Marke Maertens
Michael Maertens, der davor bereits den Selicour spielte, weiß die Freizügigkeit der Inszenierung perfekt zu nutzen. Durch sein geschicktes Schauspiel und den vollendeten Charakter Selicour bietet er eine kritische Persiflage des Opportunismus dar – ohne dabei vom Originaltext wesentlich abzuweichen. Dabei entsteht ein buntes und vielschichtiges Gagfeuerwerk Marke Maertens, der sich sonst auch in (tragi)komischen Rollen zu Hause fühlt. Kirsten Dene überzeugt ebenfalls durch Flexibilität auf der Bühne. Sie liefert ein authentisches Bild der leicht geschmeichelten, naiven alten Dame, die es nur gut mit ihren Liebsten meint. Yohanna Schwertfeger fühlt sich in ihrer Rolle sichtlich wohl; gibt die trotzige und verliebte Tochter. Udo Samel überzeugt durch die mit Narbonnes Rolle verbundene Korrektheit und moralischem Beispiel.

Mobbing 2.0: D&G für Selicour
Der Vorteil von Schillers Fassung ist, im Gegensatz zum Urtext von Lousi-Parasit7_Gerrit Jansen_Oliver StokowskiBenoit Picards, die flotte Prosa. Dadurch erhalten die Schauspieler mehr Freiraum in der Rollenbildung. Die moderne Deutung wird im Stück auch durch die Designer-Kostüme von Wolford markiert. So trägt Michael Maertens etwa einen D&G-Anzug nach Maß. Seinen Kadavergehorsam gegenüber der Obrigkeit unterstreicht er durch einen schön gekämmten Seitenscheitel sowie einer adretten Brille mit großem Rahmen. Das Bühnenbild ist minimalistisch. Eine große Faltwand mit verschieden großen Türen, die sich wie eine Zierharmonika zusammen- und auseinanderziehen lässt, dient als Hintergrund der Inszenierung. Die Faltwand illustriert, wie leicht sich Blender ihrer Umgebung fügen und umgekehrt. So bleibt die größte Tür beispielsweise nur Minister Narbonne vorenthalten.

Fazit
„Der Parasit“ garantiert einen kurzweiligen, lockeren und heiteren Theaterabend und bietet die Gelegenheit Ausnahmeschauspieler Michael Maertens voll und ganz in seinem Metier zu sehen.

Photocredits: Reinhard Werner

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