Kino-Preview: Wie man leben soll
“Merke: Nach der Matura fühlt man sich wie Luke Skywalker nach dem Kampf gegen den Todesstern.” Dieses Gefühl hält für Charlie Kolostros (Axel Ranesch) nicht lange an. Endlich der Schule entkommen, merkt er schnell, dass die neugewonnene Freiheit nur von kurzer Dauer ist. Das Leben ist hart und nimmt keine Rücksicht auf nette Menschen. Charlie muss lernen zu leben. VIENNARAMA ließ sich vor Kinostart belehren und war überrascht.
Überrascht, denn die österreichische Filmproduktion braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Und überrascht, da es eindeutig gelungen ist, Thomas Glavinics gleichnamigen Roman zu verfilmen. Denn auf Papier sind den Erzähltechniken keine Grenzen gesetzt und das nützt Glavinic wortwörtlich phantastisch aus. Thomas Maurer und David Schalko schaffen jedoch das Unmögliche. Eine grenzgeniale Kino-Übersetzung, die zeitgleich als autonomes Meister- und Kunstwerk für sich steht. “Wie man leben soll” ist grandios besetzt, surrealistisch humoristisch und erzählt letztlich die Geschichte eines Lebens. Auf Umwegen.
Merke: Am studieren führt kein Weg vorbei, weil die Alternative Arbeit ist.
Aber was studieren, wenn man selbst (und als einziger) der Meinung
ist, dass Singen das größte Talent ist? Persönliche Interessen? Nur an Frauen. Ab zum Studienberater (Michael Ostrowksi): “Für dich fallt mir nur eins ein: Kunstgeschichte! Da san die schönsten Frauen!” Gesagt, getan. Charlie Kolostros studiert Kunstgeschichte. Doch Charlie ist noch immer Charlie. Schwerst übergewichtig, zu nett, ein typischer Ja-Sager und – wie er aus einem seiner vielen Ratgeberbücher erfährt – ein “Sitzer”. Seine Freundin betrügt ihn, seine Mutter hält ihn für einen Versager und er selbst gibt die Hoffnung an ein besseres Leben nur nicht auf, weil er nicht wüsste, was er sonst tun sollte. Charlie lebt lieber in seiner Fantasiewelt, in der er Rockstar und Frauenheld ist. Und dort ist er eh am liebsten ungestört.
Die Reise beginnt
Abschreckend neu eingekleidet betritt Charlie die Universität und freundet sich mit Mirko (Robert Stadlober) an, der fortan die Weichen in Charlies Leben stellt. Er ist es, der ihn zur VSStÖ und somit auch in Kontakt mit Drogen, aber auch Arbeit bringt, ihn drängelt, auf die Sexanzeige eines älteren Ehepaars zu antworten und der für Charlie die Konversation mit Mädchen in Gang bringt. Charlies Part und unerkanntes Talent ist es letztlich, sich mit den für ihn geschaffenen Lebenssituationen zu arrangieren. Und so plaudert er bald mit Leo und “der Eheschlampe” (Josef Hader und Maria Hofstätter) in der Badewanne als ob es nie anders gewesen wäre. Außerdem: Neuer Job, neue Freundin – Charlie wird älter, aber nicht weiser. Mit den besten Absichten bringt er auf diese Weise seine Tante, seinen neuen Job und schließlich auch seine Freundin zur Strecke. Der einzige Trost? Wenig hilfreiche Worte wie die der Mutter: “Habts eh ned wirklich zammpasst.” Ein Charlie und der dritte Todesfall. Doch das Leben geht weiter. Seines zumindest.
Wie man leben soll?
Auf diese Frage hat Charlie noch immer keine Antwort. Mit 33 haben all seine alten Freunde ihre Berufung gefunden. Seine Karriere als Taxifahrer sieht im Vergleich dazu recht erbärmlich aus. Nach Charlie eben. Und der größte Karrieresprung vollzieht sich in der Horizontale. Denn nach der Ermordung des cholerischen Chefs (Robert Palfrader) – Charlie ist ausnahmsweise unschuldig – wechselt er zum Konkurrenzunternehmen. Anderer Chef, dieselbe Einöde. Bis Charlies Lebenstraum dann doch noch eine Chance bekommt. Eine reale. Genau das ist das Problem.. Doch Charlie weiß inzwischen, wie man leben soll.
VIENNARAMA-Fazit: Ganz großes und überraschenderweise österreichisches Kino! Eine kreativ aufbereitete und tragikomische Romanübersetzung im Kontext der historisch-österreichischen Gesamtlandschaft der 80er und 90er Jahre. Getragen von der Glanzleistung der Neuentdeckung Alex Ranesch und der dutzenden Mitwirkenden, die die österreichische Film- und Medienlandschaft nun auch auf diese Weise prägen, fragt man sich schließlich zumindest nicht mehr oder eben gerade doch: Wie man leben soll. Wenn auch nicht nachahmens-, so auf jeden Fall sehenswert!
Ab 7.Oktober in allen Kinos!
Photocredits: Luna Filmverleih

That addresses svereal of my concerns actually.