Interview: Emily Walton – Mein Leben ist ein Senfglas
Ihr Leben ist ein Senfglas. Nicht ganz. Das Leben von Poppy, der Protagonistin ihres ersten Buchs, ist ein Senfglas. Klingt komisch? Ist es aber nicht. Emily Walton erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in jungen Jahren aus England nach Österreich emigriert. Mit VIENNARAMA hat sie sich getroffen, um mit uns über Identitätsfindung und die Suche nach den Wurzeln zu plaudern.
1.) Wie bist du dazugekommen ein Buch zu schreiben?
Das Schreiben ist eine „Ur“-Leidenschaft von mir, also tief in mir drinnen. Ich schreibe mein Leben lang schon gerne und deswegen habe ich auch Journalismus studiert, um für Printmedien zu arbeiten. Hier kann man aber nur begrenzt eine literarische Seite ausleben. Deswegen habe ich mir ein Lebensmodell gesucht, in dem das möglich ist – jetzt bin ich eben Journalistin und Autorin. Im Zuge dieser Umorientierung kamen mir viele Ideen, worüber ich denn schreiben könnte. Das Thema Identität – ein Mädchen, dass sich in einem neuen Land zurecht finden muss – drängte sich in den Vordergrund. Das ist etwas, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Es heißt ja, dass man am besten über das schreibt, was man kennt. Deswegen habe ich wohl dieses Buch geschrieben. Das soll aber nicht heißen, dass das Buch rein autobiografisch ist. Ich bin nicht Poppy. Ich hab auch beim Schreiben nicht mich selbst gesehen oder meine Eltern – das war immer Fiktion.
2.) Also war es keine schwere Geburt, bis du zu dem Thema gekommen bist?
Nein, das Thema war in mir. Das ist beim Schreiben so. Ich weiß auch nicht, wie das zustande kommt. Es ist ein Zündmoment da und dann will ich über etwas schreiben. Das kann sein, dass ich eine Frau sehe in der Straßenbahn. Ich beobachte sie, mir kommt eine Idee und dann muss ich die Geschichte schreiben. Und ich betone dieses Müssen so stark, weil es wirklich ein Muss ist. Das ist wie Hunger haben, ich werde grantig, wenn ich es nicht aufschreiben kann. Das sind Geschichten, die müssen raus, und das mit dem Senfglas war so ein Fall. Der Kick-off kam tatsächlich von einem Senfglas. Irgendwie entwickelte sich die Idee, dass ich um dieses Senfglas herum eine Geschichte über eine West-West-Migration aufbauen könnte.
3.) Wie lange hat es gedauert, das ganze Buch zu schreiben?
Ich habe circa ein Jahr gebraucht und drei Monate davon nur konzipiert. Währenddessen habe ich ein Aufenthaltsstipendium bekommen – im Sommer in Lübeck. Ich habe zwei Monate wirklich nur geschrieben. Tag und Nacht. Ich kannte dort keine Leute, habe niemanden gesehen, ich war da wirklich ein bisschen ein Eremit. In Lübeck war ich sehr produktiv, da habe ich 80% des Rohtexts geschrieben. Dann muss man natürlich noch einmal drüber gehen. Das funktioniert so, dass man sich die Geschichten durchliest, bearbeitet. Ich lese sie mir noch einmal laut vor – davon bekomm ich manchmal Halsschmerzen. Wenn ich mir zu Hause einen Tag lang vorlese, ist das immer sehr zur Erheiterung meines Partners.
4.) Ist man als Autor nicht extrem aufgeregt, wenn das Baby, das man ein Jahr gepflegt und gehegt hat, selber laufen muss?
Ja, ist man. Aber man hat ja Leute, die einem zur Seite stehen. Dem Verleger glaubt man schon, dass das gut gehen wird. Bei den Lesungen bin ich eigentlich nicht mehr aufgeregt, weil es meine Texte sind. Weil ich weiß, dass ich meine Texte lesen kann. Die Zeit vergeht bei den Lesungen viel zu schnell. Es ist sehr schön, wenn die Leute Fragen zum Werk stellen. Und du hast den direkten Austausch mit den Leuten, die sich für dein Buch interessieren.
5.) Lachen die Leute an den Stellen, wo man es erwartet?
Ja, das schon, aber auch an Stellen, die man selbst zunächst nicht als so lustig wahrgenommen hat. Ich muss schon sagen: Ich habe mir am Anfang meines Schreibens schwer getan mit dem unterhaltsamen Schreiben. Ich habe an mir selbst gearbeitet. Ein Verleger sagte mir, dass es nichts Schwierigeres gibt, als über etwas Trauriges lustig zu schreiben. Das ist eine Herausforderung, der ich mich gestellt habe. Ich habe auch Feedback bekommen, dass mir genau das bei diesem Buch gelungen ist. Es gibt ein Mädchen, das sich nicht ganz zuhause und auch etwas einsam fühlt und von einer gewissen Andersartigkeit und Unsicherheit geprägt ist. Aber diese Situationen werden mit einem humoristischen Unterton erzählt – die Ernsthaftigkeit bleibt erhalten, aber man hat immer etwas zum Schmunzeln. Ich habe bei den Lesungen gemerkt, dass ich das geschafft habe. Es war mir auch wichtig, weil es sich um eine positive Migrationsgeschichte handelt.
6.) Denkst du, du hast den Nerv der Zeit getroffen?
Das Thema Migration ist durchaus präsent, aber das war es auch schon in der Vergangenheit. Ich selbst, als Engländerin, werde nicht als Migrantin wahrgenommen, bekomme aber ein gewisses Schubladendenken in „gute“ und „schlechte“ Ausländer zu spüren. Ich wurde als „gute“ Migrantin aufgenommen, andere Schüler in meiner Klasse aus dem ehemaligen Jugoslawien wurden sofort als Ausländer definiert. Ausländer und „echte“ Ausländer – dieses Denken hat es schon bei meiner Ankunft, vor 20 Jahren, gegeben. Das habe ich als Kind schon wahrgenommen. Die aktuelle Migrationsdebatte ist ein wichtiges Thema. Mir ging es darum, auch mal die Geschichte einer West-West-Migration zu erzählen. Denn es regt sich schon irgendwas in mir, wenn Leute zu mir sagen „Du bist ja keine echte Ausländerin“ – was bin ich denn dann?
7.) Denkst du, ist es leichter, wenn man in ein anderes Land geht, wenn man jung ist?
In dem Augenblick ist es sicher leichter, als Kind machst du einfach mit. Ich hab nie darunter gelitten, ich kann mich nur an nervöse Momente erinnern, etwa wenn man in eine neue Klasse kommt. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich leichter ist. Denn wenn du als Erwachsener in ein anderes Land gehst, bist du dir dieses Schrittes bewusst. Wenn du als Kind gehst, dann fällt dir das erst später auf. Im Laufe des Erwachsenwerdens ist mir bewusst geworden, dass es nicht ganz so einfach ist. Denn du fragst dich dann: „Wo gehöre ich hin, wo sind meine Wurzeln?“ Wenn man die neue Sprache beherrscht, ist es sicher einfacher. Ich bin überzeugt davon, wenn ich mit Akzent sprechen würde, würde man mich ganz anders aufnehmen.
8.) Schon überlegt, ob du wieder zurück nach England gehst?
Nein, eigentlich nicht, das war nie eine Option für mich. Wenn ich in England bin, bin ich bei meiner Großmutter in Oxford – oder in London, das mir viel zu groß ist. Das ist keine Überlegung – was ja auch wieder etwas aussagt: dass ich mich hier, in Österreich, zuhause fühle. Ich fühle mich in England ein bisschen als Touristin. Es ist kein Gefühl des „nach Hause Fahrens“. Aber trotzdem ist es das Land, aus dem ich komme – und das bleibt einem. Und es ist mir wichtig, diese Herkunft an meine Kinder weiterzugeben.
9.) Planst du schon das nächste Buch?
Ich plane schon ein nächstes Buch. Beziehungsweise es gibt schon ein nächstes Buch. Ich kann aber nicht mehr dazu sagen, als dass es wieder um Identität geht.
Wer neugierig geworden ist, morgen liest die Autorin aus ihrem Buch.
Wann: 20. März, 19:00 Uhr
Wo: Literaturbuffet Lhotzky, 1020 Wien (Taborstraße 28, Ecke Rotensterngasse)


