Interview: Hanno Millesi
Gewaltige Baumaschinen, riesige Schutthaufen und dazwischen wilder Mohn – noch ist am Flugfeld Aspern von der zukünftigen Seestadt nicht besonders viel zu sehen. Aber dennoch: da tut sich was! VIENNARAMA hat sich selbst davon überzeugt und mit dem Schriftsteller Hanno Millesi gesprochen, der die Entstehung dieses neuen Stadtteils seit einem Jahr als stadt.schreiber literarisch begleitet.
Im Rahmen des Projekts stadt.schreiben setzt sich Hanno Millesi gemeinsam mit Andrea Grill und Thomas Ballhausen künstlerisch mit dem Stadtentwicklungsgebiet Aspern auseinander, unter anderem auf einem Blog. Im Interview erzählt er uns von den Hintergründen dieser Arbeit, seinen Überlegungen zum Lebensraum der Stadt und der Zukunft der Literatur im Internet.
Sie arbeiten jetzt seit bald einem Jahr gemeinsam mit Andrea Grill und Thomas Ballhausen an stadt.schreiben. Wie ist es eigentlich zu diesem Projekt gekommen?
Es gibt eine Gruppe von Leuten, die nennt sich content.associates und besteht aus Ute Burkardt-Bodenwinkler, Lisa Schmidt und Daniel Aschwanden. Diese Gruppe wurde von den Betreibern des Seestadt Aspern-Projekts engagiert, um ein kulturelles Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen und Aktivitäten zu planen, die Aufmerksamkeit auf dieses Projekt lenken sollen.
Im Bereich der Literatur gibt es öfter diese Stadtschreiber-Projekte: eine Stadt schreibt ein Stipendium aus und lädt Leute ein, die sich dann literarisch mit der Stadt und z.B. ihrer Geschichte auseinandersetzen. Die content.associates haben sich nun gedacht, dass es originell wäre, jetzt so ein Stadtschreiber-Projekt für eine Stadt einzurichten, die es noch nicht gibt – die Stadt in Aspern ist ja erst im Entstehen. Gemeinsam mit dem Literaturhaus Wien wurde dann ein Procedere abgesprochen und eine Jury hat schließlich uns drei ausgewählt – man hat sich dabei nicht eigens beworben, sondern wurde einfach kontaktiert.
Letztendlich soll dieses Projekt in einer Publikation münden und war eigentlich auch nur für ein Jahr geplant. Es ist jetzt allerdings um ein weiteres Jahr verlängert worden, weil diese Publikation erst im Herbst 2013 herauskommen soll, gleichzeitig mit einem großen Event zur Eröffnung der U-Bahn nach Aspern.
Vor dieser Publikation erscheinen die Texte ja zunächst als Blog im Internet. Inwiefern beeinflusst diese Form der Veröffentlichung Ihre Texte?
Diese Blogsituation hat sich dann erst so ergeben, zuerst ging es nur um diese eine Publikation bzw. einzelne Veranstaltungen. Gemeinsam haben wir dann aber entdeckt, dass es auf dieser Homepage auch einen Blog gibt und dass die Möglichkeit besteht, dort sukzessive Textskizzen und kleinere Bemerkungen einzustreuen.
Ein Blogeintrag ist natürlich eine ganz andere Form als ein Text für eine gedruckte Publikation. Ich denke, dass das dann viel schneller gehen muss, dass das kürzere und vielleicht auch prägnantere Dinge sein sollen. Ich verwende das so, wie man Blogs vielleicht grundsätzlich verwendet: als Laborsituation. Ich spiele da Ideen durch, die ich auch nicht allzu akribisch ausfeile. Ich stelle sie zur Diskussion und schaue mir an, wie das wirkt. Aus einzelnen dieser Dinge entwickle ich dann längere Texte, die dann auch in die Publikation einfließen werden.
Sie haben sich bereits zuvor mit Literatur im Internet beschäftigt, etwa im Rahmen des Projekts ignorama. Welche zukünftige Entwicklung erwarten Sie in diesem Bereich?
Begonnen hat meine Aktivität im Internet eigentlich bereits 1999 auf der von Xaver Bayer und Julia Hadwiger gegründeten Plattform die flut. Wir waren 14 Autorinnen und Autoren und dazu
eingeladen, dort Texte zu veröffentlichen. Dazu gab es auch eine Diskussionsseite, auf der jeder Kommentare abgeben und auch eigene Texte veröffentlichen konnte.
Tatsächlich hat das Internet noch nicht unbedingt dazu geführt, dass das Buch verdrängt worden wäre. Auch Print-Zeitschriften gibt es nach wie vor – vielleicht nicht mehr in dieser Fülle wie in den 70ern und 80ern, aber dafür möglicherweise akribischer gemacht, fast schon so wie kleine Anthologien.
Die offenbar neue Form ist das E-Book, diese elektronische Buchform, die das gedruckte Buch möglicherweise irgendwann ersetzen wird – das kann ich jetzt aber noch nicht beurteilen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn das vielleicht in 50 Jahren zumindest in Hinblick auf die Marktanteile das Buch verdrängt, aber endgültig glaube ich ehrlich gesagt nicht. Das hoffe ich auch nicht, da spricht jetzt also auch ein gewisser Optimismus aus mir.
Aber wie vorhin bereits erwähnt: im Internet auf einem Blog Texte zu veröffentlichen folgt ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten und ist für meine Begriffe eher eine Ergänzung und nicht unbedingt etwas, das das Buch ersetzen soll.
Sie beschäftigen sich immer wieder mit dem Prozess des Schreibens selbst und den Bedingungen, unter denen es stattfindet. Gibt es da bestimmte Schreibtraditionen oder einzelne Schriftsteller, die für Ihre Arbeit an stadt.schreiben vielleicht als Bezugspunkte besonders wichtig sind?
Das hat natürlich auch immer mit der Frage zu tun, warum jemand überhaupt einen literarischen Text schreibt und glaubt, dass andere das lesen sollten. Was geht in dem vor, warum macht er das, welche räumlichen und körperlichen Voraussetzungen hat er? Ich begreife gerade den Körper als Nukleus von Architektur bzw. von Räumlichkeit, in der man lebt. Das betrifft die Position, in der man sich der Gesellschaft präsentiert, und im Weiteren auch meinen Mikrokosmos: meine Wohnung, meine Freunde und Menschen, mit denen ich mich gerne umgebe und mit denen ich mich wohlfühle.
Originelle Geschichten zu erfinden reicht mir nicht. Wenn man Literatur als künstlerische Form verwendet, dann sollte auch immer der künstlerische Prozess des Werks eine Rolle spielen und möglicherweise auch im Endergebnis sichtbar vorhanden sein.
Wo finden Sie Ihre Themen für stadt.schreiben? Welche Rolle spielt hier der konkrete Ort in Aspern?
Ich beschäftige mich mit Texten über Urbanismus, über Stadtplanung, über Stadtutopien, sowohl mit klassischen Positionen wie z.B. Le Corbusier oder zeitgenössischen wie Vittorio Magnago Lampugnani. Stadtplanung ist ja momentan ein sehr populäres Thema; als Einzelner kann man natürlich nur begrenzt mitwirken, aber man kann das zumindest beobachten und kommentieren. Ich bin selbst kein Stadtplaner und meine Texte sind eher künstlerische Kommentare, absurde Vorschläge oder satirische Bemerkungen. Ich bin schließlich nicht dafür engagiert, um das konstruktiv weiterzubringen, dafür sind die Fachleute da.
Ein Thema ist für mich auch d
ie Geschichte Asperns. 1809 war dort ja die Schlacht zwischen der napoleonischen und der österreichischen Armee unter Erzherzog Karl, in der auch der berühmte Schriftsteller Stendhal mitgekämpft hat. Der hat dann später auch darüber geschrieben, und das ist dann schon eine sehr interessante Möglichkeit, auf so einer Ebene in die reale Geschichte des realen Orts einzusteigen.
Während ich das mache, halte ich mich allerdings in meiner Wohnung oder in meinem Arbeitszimmer auf und reflektiere dann auch, wie es dort genau aussieht. Ein Teil meines Textkonvolutes beschäftigt sich mit Fragen wie: Wo halte ich mich auf, während ich das mache? Wie schaut meine Wohnung aus und warum schaut die so aus? Was ermöglicht mir das oder woran hindert mich das? Wieweit grenzt mich das ein oder wieweit könnte ich da eigentlich Dinge machen, an die ich vorher gar nie so gedacht habe, weil sie dafür vielleicht gar nicht erfunden worden sind?
Verfolgen Sie bei stadt.schreiben ein bestimmtes Ziel mit Ihren Texten? Hatten Sie von Anfang an ein Konzept, dem Sie jetzt mit Ihren Texten folgen?
Das kristallisiert sich jetzt erst heraus, während ich am Projekt arbeite. Ich versuche aber einen gewissen Bogen zu spannen: Von utopischen und realistischen Entwürfen einer Stadt oder einer Gesellschaft, die ihren Lebensraum gestaltet, bis hin zum Mikrokosmos eines einzelnen Menschen, der ja so etwas wie ein Einzelelement der Bevölkerung darstellt.
Jetzt ganz unabhängig von der Literatur: Haben Sie bestimmte Hoffnungen für die weitere Entwicklung der Stadt Wien?
Eine Hoffnung ist natürlich immer die, dass Wien internationaler wird.
Ich bin ein Stadtmensch, mag die Großstadt und hoffe, dass Wachstum stattfindet. Ich finde auch die grundsätzliche Idee sehr gut und wichtig, dass die Stadt sich um ein entsprechendes Wohnungsangebot kümmert, um den Markt zu regulieren. Im Detail kann ich die richtige Formel natürlich nicht beurteilen, aber in Städten wie London wurde das offenbar irgendwann einem rein kapitalistischem System überlassen und dort verbringen die Menschen jetzt ihre gesamte Zeit damit, um zu arbeiten und genug Geld heranzuschaffen, bloß um sich das Wohnen finanzieren zu können – das ist schon extrem unattraktiv.
Was dürfen wir uns in der kommenden Zeit noch von stadt.schreiben erwarten?
Es gibt da eine ganze Reihe an Veranstaltungen, die man sich auf der Homepage der Seestadt Aspern anschauen kann. Mein nächster Auftritt wird gemeinsam mit Andrea Grill und Thomas Ballhausen am 11. Juni stattfinden, wo wir aus unseren Projekten und Texten vortragen werden. Und parallel gibt es immer wieder Blogeinträge.
Lesung und Performance: stadt.schreiben – Felder & Figuren
Montag, 11. Juni 2012, 20:00 Uhr in der FABRIK PUBLIK, auf der alten Rollbahn in aspern Seestadt
Die AutorInnen Andrea Grill und Hanno Millesi lesen aus ihren Arbeiten, entstanden im Rahmen des PUBLIK-Projekts stadt.schreiben in aspern Seestadt. Thomas Ballhausen präsentiert seinen Text „Felder & Figuren“ gemeinsam mit dem Choreografen Daniel Aschwanden und Mitgliedern des Schachclubs Donaustadt als medienübergreifende Textperformance, in der Wortkunst und Spielzüge interagieren.
- Michael Granner
- Fotos: Daniel Aschwanden (Porträt von Hanno Millesi, oben), Michael Granner
