Film-Review: Gerhard Richter Painting
Er ist Maler, Bildhauer und Fotograf und gilt als einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart. In der Dokumentation Gerhard Richter Painting begleitet Regisseurin Corinna Belz den scheuen Künstler fast ein Jahr auf seinem Schaffensprozess. VIENNARAMA war verblüfft über die Distanz der Kamera und die schrittweiße Erschließung eines Porträts.
Ein Mann farbvollendeter Taten
Es ist ein schwüler Sommernachmittag. Abgesehen von einem Paar in den vorderen Reihen ist das Gartenbaukino leer. Dann geht der Vorhang auf und offenbart eine schwarze Leinwand in der Totalen. Im Hintergrund hört man Schritte und jemanden schwer atmen. Plötzlich taucht ein Mann mit einem Holzinstrument auf, schabt von rechts nach links über das Gemälde und verschwindet. Er hinterlässt feine regenbogenfarbene Schlieren. Man lässt den Eingriff auf sich wirken und erschrickt als der Mann donnerartig zurückkehrt und das Ritual wiederholt. Gerhard Richter ist 80 Jahre alt. Er ist still. Man könnte sagen, er ist mehr Mann farbvollendeter Taten als vieler Worte.
„Bilder sind eine andere Form zu denken, Worte genügen manchmal nicht“, lächelt der Künstler in die Kamera. Die Impulsivität des Künstlers folgt eigenen Regeln. Gerhard Richter malt ohne strikten Plan dafür aber mit Gefühl für Qualitäten und Ausgewogenheit der Bildbalance. „Ich male bis nichts mehr falsch ist. Bis alles gut aussieht“, lautet seine Erklärung.
Malen als Rückzugsort
Für die deutsche Filmemacherin Corinna Belz öffnete Gerhard Richter die Tür zu Atelier und Leben. Ob zu Hause in Köln oder bei Vernissagen in London und New York – knapp ein Jahr ist die Kamera dem Künstler stetig auf den Fersen. Sie zeichnet auf, wie er Ideen erschafft und wieder verwirft, wie er Farben kombiniert und aufträgt, wie er sich mancher Gemälde erfreut und andere übermalt. Mal grübelt der Künstler skeptisch, mal lächelt er zufrieden. Doch die beschauliche Ruhe täuscht. Was für Gerhard Richter gewöhnlich ein Rückzugsort zum austoben ist, ist nun dem permanenten Blick der Kamera ausgesetzt. Er stört sich daran. Auf die Frage nach dem Warum entgegnet er „Wenn die Kamera da ist, gehe ich anders. Das Malen und das Beobachtet-werden ist schlimm. Es ist eine Art ausgeliefert sein.“
Filmisches Selbstporträt
Bereits der Film ist ein Kunstwerk für sich. Die Kamera ist distanziert, die Dialoge rar und unausgegoren. Für eine Dokumentation wirkt “Gerhard Richter Painting” fast schon unpersönlich. Am Ende des 97-minütigen Filmes übermannt einen die Erleuchtung. In unzähligen Filmsequenzen malt der Künstler sein Porträt gewissermaßen selbst. Die Bildausschnitte gleichen sich der Leinwand an und konfrontieren den Zuseher direkt mit der Textur des Kunstwerkes und den Reaktionen des Schaffenden. Fast hat man das Gefühl, man stehe selbst neben Gerhard Richter und blickt ihm über die Schulter. Wie in einem Sofia Coppola Film entwickelt sich die Persönlichkeit des Protagonisten aus dem Moment heraus. Die besonnene Gestik, die Bestimmtheit der Malbewegungen, eine aufflackernde Emotionsregung. All diese Kleinigkeiten zeigen den Künstler hinter dem Gerhard Richter oeuvre.
VIENNARAMA-Fazit:
Bei Gerhard Richter Painting braucht der Zuschauer Geduld und kindliche Neugier. Das Porträt des Künstlers wird nicht einfach chronologisch geschildert, sondern entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Farben und Augenblicken.
Bis 21.06. im Gartenbaukino
© Stadtkino Filmverleih

