Theater-Review: Das trojanische Pferd

Ein griechischer Soldat (Fabian Krüger) erklärt die List mit dem hölzernen Pferd.

Wenn der ganze Boden des Kasinos am Schwarzen-bergplatz mit Papierschiffen übersät ist, dann ist mal wieder der trojanische Krieg ausgebrochen. Unter der Regie von Matthias Hartmann erwacht das dramatische Epos „Das trojanische Pferd“ in einer viereinhalb-stündigen Inszenierung zum Leben. VIENNARAMA hat sich für euch in die Schlacht begeben.

 

Der Mensch als Spielball der Götter

Alles beginnt mit einem scheinbar unbedeutenden griechischen Soldaten (Fabian Krüger), der die Trojaner mit einer List dazu bewegt, das trojanische Pferd hinter ihre Mauern zu lassen. Das ist der Anfang vom Ende Trojas. 17 Darsteller erzählen in 33 Rollen die Geschehnisse rund um den trojanischen Krieg. Dieser Krieg beginnt mit Paris (Lucas Gregorowicz), der Aphrodite (Stefanie Dvorak) als schönste Göttin krönt und damit zwar die griechische Königsgattin Helena (Adina Vetter) als Preis erhält, aber die Göttinnen Hera (Catrin Striebeck) und Pallas Athene (Christiane von Poelnitz) erzürnt. Der König der Griechen, Menelaos, sein Bruder Agamemnon (Juergen Maurer) und Heeresführer Achill (Oliver Masucci) eilen zur Rückergattung Helenas und führen ihre Flotte in den Krieg gegen die Trojaner. Paris kämpft um den Besitz Helenas, während sein Bruder Hektor (Daniel Jesch) die Stadt verteidigt. Die Menschen haben keine Chance, ihrem Schicksal zu entkommen. Die Götter gewinnen immer. Letztendlich fällt Troja nicht nur dank eines vermeindlichen Deserteurs und eines großen hölzernen Pferdes, sondern auch zur puren Unterhaltung der Götter.

 

Eine vielseitige Collage

Es passiert so viel auf der Bühne von „Das trojanische Pferd“ – man weiß oft nicht, wo man hinschauen soll. Während das Hauptgeschehen inmitten zweier Zuschauerblöcken stattfindet, erinnert an der Seite der Bühne ein Haufen Schaumstoff-Blöcke stets an die zusammengestürzte trojanische Mauer. Auf und zwischen diesen Blöcken verweilen die Figuren, die gerade nicht in einer Szene auftreten. Sie sind zwar gerade nicht von Nöten – aber nie aus den Augen! So auch nicht das Orakel Kassandra, das stets an der anderen Seite der Bühne sitzt und das Geschehen beobachtet. Oberhalb der Mauer befindet sich ein Steg, von dem aus die Götter mit den Menschen unter ihnen sprechen – immer überlegen. Der Zuschauer wird also von fast allen Seiten bespielt. Genauso vielseitig ist der Text des Stückes, in dem Werke von Homer mit Texten von heute kombiniert werden. Ein Display zeigt stets die aktuelle Textquelle an. Besonders bemerkenswert ist auch der Einfallsreichtum der Inszenierung. Da spielt Achill schon mal mit einem Touch-Pad und hört der Rede seines Offiziers nicht zu. Dieser wiederholt seine Rede so oft, dass er irgendwann nur noch ein Tonband mit der gleichen Rede abspielt, welches auch die ganze Pause hindurch ertönt. Ebenfalls kreativ gelöst ist die seitenlange Beschreibung Homers, wie sich die Schiffsflotte der Griechen zusammensetzt. Während des scheinbar unendlichen Monologs bauen die Schauspieler die 1186 Schiff starke Flotte mithilfe von Papierschiffen auf dem Boden nach, die später dann einem Laubbläser zum Opfer fällt. Last but not least, der Coup des Stückes: die Schaumstoff-Blöcke der Mauer werden am Ende des Stückes in einer großen Bastelaktion aller Schauspieler umfunktioniert. Es entsteht ein überdimensional großes Pferd. Das trojanische Pferd.

 

Overload?

„Das trojanische Pferd“ ist eine gelungene Kombination von Texten und Mythen und gibt einen guten Einblick in die komplizierten Zusammenhänge des trojanischen Krieges. Die vielen talentierten Schauspieler überzeugen in ihren Rollen. Trotz allem kann die Masse an Figuren und Handlung oftmals verwirren und überwältigen. Es passiert viel, und oft gleichzeitig. Die viereinhalb Stunden helfen der Konzentration dabei nicht wirklich. Dem Stück hätten somit einige Kürzungen und weniger Wiederholungen gut getan. Dazu kommt, dass es mit manchen komö-diantischen Einlagen, wie einem halbnackten Apollo als DJ, droht, in Klamauk abzurutschen. Trotz aller Kritikpunkte überwiegen aber der beeindruckende Einfallsreichtum der Inszenierung und das talentierte Ensemble.

VIENNARAMA-Fazit: „Das trojanische Pferd“ ist ein Tipp für alle Fans der griechischen Mythologie und interessierte Theatergänger. Es ist ein vielseitiges und kreatives Stück, das trotz der viereinhalb Stunden gut unterhält. Wer aber mit Homer auf Kriegsfuß steht oder sich von dem Figurenreichtum eines Mythos verwirren lässt, sollte seine Freizeit wohl anders nutzen. Doch: wer will nicht wissen, wie man ein meterhohes Pferd aus Schaumstoff baut?

 
„Das trojanische Pferd“ – ab September wieder im Kasino

 

© Photocredits: Reinhard Werner, Burgtheater

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