Review: Eröffnung Literaturfestival “O-Töne”
Am Donnerstag eröffnete Raoul Schrott das diesjährige Open Air Literaturfestival O-Töne, das für die nächsten zwei Monate im Wiener Museumsquartier stattfindet. VIENNARAMA war natürlich dabei und berichtet von dem Spektakel.
„Von hier oben sind aber viele Leute da.“
„Als dann!“ Raoul Schrott, der Provokateur, gibt sich ganz entspannt, ganz persönlich. Dabei sind tatsächlich viele Leute da, denn kaum ein Literatur-Event kommt beim Publikum
so gut an, wie die O-Töne im Wiener Museumsquartier. Und Raoul Schrott hat an diesem lauen Abend des 5. Juli sogar die Ehre des Auftakts. „Als dann!“ also gleich doppelt passend. Und auch nach den Klängen des Diknu Schneeberger Trios wird sich Raoul Schrott gedacht haben müssen „Ui, na dann: Augen zu und durch!“ Das Trio hatte nämlich vor der Lesung mit Jazz-Gitarre und Kontrabass in Atem und die eigentliche Eröffnung gehalten. Erst leicht und schwungvoll (wie zur Feier zum Ende des Wetterkrimis rund um die O-Töne), dann düster, beinahe romantisch, zuweilen rough wie ein unrasierter Cowboy in der Hochsaison der Büffeljagd, zuweilen verspielt wie die Zauberwesen in Ludwig Tiecks „Die Elfen“ spannten Diknu Schneeberger, sein Vater und sein ehemaliger Gitarrenlehrer die Leinwand für Raoul Schrotts Erzählung „Das schweigende Kind“.
Die Unterseite des Individuums
Mit lapidarem Kommentar beginnt Schrott dann auch episodische Sequenzen aus diesem Briefroman zu lesen, die so gar nicht an seine gefeierte Ilias-Übersetzung erinnern mögen. Seine Stimme ist präzise, kontrolliert; zum Schauspieler fehlt ihm nur ein Hauch an Emotion. Es ist die Geschichte eines Versagens und die Erzählung des Entschuldungsversuchs eines Vaters gegenüber seiner Tochter. Sechsjährig und abwesend wird sie die Briefe erst viel später lesen – ja, später noch verstehen – können, lange nach dem Verschwinden ihres Vaters, der in diesen Briefen „gegen sich selbst und gegen den Tod anschreibt“.
Vor allem aber schreibt er an gegen die Mutter seiner Tochter, die das gesamte Buch über namenlos bleibt. Doch Schrott weiß genau, dass es keines Namens bedarf, einen Charakter zu zeichnen und so präsentiert er die Mutter in einer Serie von Situationen und Rollen; als kokettes Akt-Modell, als das der Protagonist sie kennenlernt, als selbstbewusste Frau, genauso wie als vor ihrem Vater entblößtes Mädchen, als grausame Liebhaberin und als bis zum Selbstmord-Versuch verzweifelte Ehebrecherin.
Auf den Schwingen der Ironie
Aber Schrott sorgt dafür, dass sein Publikum nicht zur Gänze an der Welt und ihm verzweifelt und wirft seinen ZuhörerInnen zwischen den einzelnen Episoden stets die Rettungsleine der Selbstironie zu: „Ja, keine sehr lustige Geschichte, oder?“ und die Stimme, die zuvor so kontrolliert und unnahbar gewirkt hatte, erhält plötzlich einen Oberton von Menschlichkeit, der den LeserInnen des Romans leider vorenthalten bleibt. Diese müssen sich als Selbstschutz auf die Serie von Literatur- und Kulturphilosophie-Zitaten verlassen, die Schrott durch den Roman spinnt. So etwa ist die Frau des Romans, die Ex-Frau des Protagonisten, ein wandelndes Derrida-Zitat – inklusive des latenten Impetus christlicher Metaphysik – und die Obsession des Protagonisten mit der Sprache der Anderen, das heißt die Sprache der Mutter, ist ohne der literarischen Vorarbeit Ingeborg Bachmanns kaum zu denken.
Wo jedoch Bachmanns verzweifelter Mann schlussendlich scheitert, seinem Kind eine neue Sprache, eine Sprache abseits der gesellschaftlichen Gewalt zu lehren, scheinen die Versuche von Schrotts Anti-Helden zumindest die Möglichkeit des Erfolgs zu tragen: Auf einem Baumstamm sitzend, etwa, lernt er von seiner Tochter die neuen Namen für die alten Dinge, die plötzlich selbst ihr Wesen verändern zu scheinen, weicher werden, freundlicher.
Epilog. Vom Mord in der Literatur
Ganz im Gegenzug zieht die Stimmung nach der Lesung, unter der Moderation von Andrea Schurian, Kulturredakteurin beim Standard an, angereichert mit einem Oberton von kritischer Kühle. Das Buch nämlich ist neben Literatur vor allem eins: ein Politikum und ein Manifest für die Rechte von Vätern. Die etwa zwanzigminütige Diskussion dreht sich denn auch ausschließlich um die Frage von Vaterschaft, Mutterschaft und Feminismus. Und leider – wie so oft bei guter Literatur – beginnt man Politik zu reden, krepiert die Literatur tausend kläglicher Tode.
- Gastbeitrag von Martin Prechelmacher



