Review: Literaturfestival “O-Töne” Milena Michiko Flašar

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Es ist der zweite Donnerstag der O-Töne und die Wienerin Milena Michiko Flašar sieht sich der Aufgabe gegenüber nach einer der wahrscheinlich größten Wiener Schriftstellerinnen, Friederike Mayröcker, zu lesen. VIENNARAMA war dort und hat genau zugehört.

 

 

Die Macht des Alten

Es muss schwer sein jetzt zu lesen. Ausgerechnet jetzt, nach Friederike Mayröcker. Ausgerechnet nach einer Lesung, bei der das Publikum nicht umhin kommt, an alte, längst vergessene Weisheiten zu denken (und ob deren Alters zuweilen einnickt). Ausgerechnet nach einem Moment, in dem man sich, im Auditorium der Arena 21 sitzend, zurückversetzt sieht in eine Zeit von Ernst Jandl und Artmann und Eisendle und Fried, in eine Zeit, in der Gerhard Rühm noch ein aufsässiger Philosophiestudent in Wien war. Es ist ob dieser Zeit, dass das Publikum zu applaudieren nicht aufhören mag; ob der Erinnerungen an die Revolutionen der letzten Jahrzehnte, die sich in der sanften Stimme und dem Lächeln Mayröckers noch einmal vor uns verkörpern. Schon die pure Existenz – trotzig, wie einst – dieser zarten und gebrechlichen Frau mit der bekannten schwarzen Mähne scheint wie ein kleines Wunder.

Und jetzt lesen?

 

Und das Tasten des Neuen

Aber wem, wenn nicht Milena Michiko Flašar, sollte dieser Coup gelingen? Gerade eben

Die Autorin bei der Lesung

erschien ihr dritter Roman Ich nannte ihn Krawatte im Wagenbach Verlag in Berlin, ein Roman, der ganz entgegen der Tendenz der gegenwärtigen Literaturkritik auch als Nicht-Debüt hoch gefeiert wurde.

Im Gegenzug zu Friederike Mayröcker, die in ihren Romanen die Grenze des Narrativen hin zum Poetischen überschreitet, zieht Flašar die Poesie herüber in den Bereich der erzählenden Prosa: Mit den einfachsten Sätzen gelingt es ihr, die komplexesten Umstände hervorzurufen. Die Umstände nämlich eines unwahrscheinlichen Treffens zwischen dem Hikikomori Hiro und dem Salaryman Ohara Tetsu auf einer Parkbank in Japan. Der etwa 20-jährige Hiro gehört jenen 100.000-320.000 Japanern an, die vor dem Leistungsdruck der Gesellschaft in die Einsamkeit zu fliehen suchen. Die letzten zwei Jahre hat er einen Riss in der Wand seines Zimmers angestarrt und versucht, sich nicht zu verheddern in der Existenz eines anderen: „Mein Dasein bestand darin, dass ich fehlte.“

 

Der Klang des Zerbrechens der Welt

Mit geübt präziser Stimme trägt Flašar einen Text vor, der mit ebenso geübter Präzision vom Zerbrechen an der Gesellschaft und vom Zerbrechen an sich selbst erzählt, von dem Riss in der Wand und dem Riss in der Welt. Aber zugleich erzählt sie von der Suche nach etwas eigenem und dem Versuch einen Raum zu schaffen, in dem man sein kann. Es ist keine fröhliche Erzählung. Melancholisch, mit beinahe lethargischer Wut, präsentiert sich die Erinnerung an Yukiko, Hiros Kindheitsfreundin, die er später, in der Schule verrät. Vom Rand der Gesellschaft kommend wird sie von ihren Schulkollegen aufs grausamste malträtiert und in den Selbstmord getrieben. Und auch der Salaryman Tetsu, einst gewissenhafter Arbeiter und wertvolles Mitglied der Gemeinschaft, geht schlussendlich an einer Gesellschaft zugrunde, die auf Scham für und Hass auf alles Andere basiert.

Es ist keine fröhliche Erzählung und das trübe Licht der Arena 21 hilft ebenso wenig wie Flašar kaltblütige Stimme. Und dennoch bewahrheitet sich auf ein Neues Thomas Manns Diktum: An den Erkenntnissen der Literatur zerschellten wir, wäre es nicht um die Freuden des Ausdrucks. Und, so mag man hinzufügen, der Poesie eines Geistes, der Figuren sagen lässt: Ich bin von einem Stern gefallen, wenn ich dir verrate, woher ich komme, zerfalle ich in Sternenstaub.

 

-Martin Prechelmacher

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