Interview: Helmut Seethaler

3 Konsumkritik in Zettelform

Sie stehen auf Bauzäunen, kleben an Bushaltestellen und hängen in den Stationen der U-Bahn: Helmut Seethalers kritische Zettelgedichte sind heute aus dem Stadtbild Wiens kaum mehr wegzudenken – oft sehr zum Ärger der Bürokratie, der diese Form der öffentlichen Textverbreitung seit Jahren ein Dorn im Auge ist. VIENNARAMA hat den ordnungswidrigen Schriftsteller bei der Arbeit begleitet und sich mit ihm über sein literarisches Schaffen unterhalten.

 

Wenn Sie zunächst auf den Beginn Ihrer Karriere zurückblicken: Wie sind Sie damals zur Literatur gekommen?

Angefangen hat das alles in der Schule. In der siebten Klasse wollte ich nach ein paar Wochen einfach nicht mehr – Matura machen? Ja, aber nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich wollte lieber Wien und Österreich anschauen. Mein Vater war bei der staatlichen Bundesbahn, da konnte ich gratis herumfahren; ich wollte schauen: was gibt’s da noch? Und das war eine Weichenstellung, denn da habe ich bemerkt: Hey, ich schreibe ja – ich erlebe etwas und das möchte ich auch festhalten und den Leuten mitteilen.

Die Gedichte entstanden damals spontan vor der Schule und dann vor der Uni. Dort habe ich sie dann auch zum ersten Mal mit neunzehn Jahren aufgepickt, mit Tapetenleim oben am Schottentor – unten traute ich mich nicht, wegen dem Nachtwächter. Das war mühsam, wie auch die Arbeit mit den Wachsmatrizen. Eine Kopie kostete damals ja fünf Schilling – ein Wahnsinn! Mit der Zeit ist das dann billiger geworden und ich konnte später auch gratis kopieren – im Ministerium für Kunst bei der SPÖ-Ministerin Hawlicek.

Dabei war ich nie Parteimitglied und wurde auch nie danach gefragt. Die Hawlicek hat gesagt: „Du machst was Gutes für Wien, da hast du einen Kopierer und jetzt mach was du willst“. Aber auch von Seiten der ÖVP hat mich zum Beispiel der Marboe unterstützt – das ging quer durch alle Parteien. Einmal hat auch der Haider ohne mein Zutun eine Aussendung für mich gemacht – es war mir wurscht, weil kein Schaden entstanden ist; es hat halt ein paar neue Fans aus der FPÖ gebracht.

Ich war bei der KPÖ, im EKH – das waren die gescheitesten Typen – und ich bin auch zu

Helmut Seethaler im Gespräch mit VIENNARAMA

den schlagenden Verbindungen gegangen, um dort Lesungen zu halten: Wenn die zu dozieren und von der Partei zu reden begannen, dann war ich weg – das geht mich nichts an. Aber reden tu ich mit allen, Nazi oder nicht; ich will einfach wissen: warum bist du so? Darum mögen mich jetzt auch ein paar Linke weniger, weil ich halt Kontakt habe zu wirklich allen. Aber dazu stehe ich.

 

Sie stoßen mit Ihrer Arbeit zum Teil auf massive Widerstände, derzeit sind Sie sogar von einer mehrwöchigen Gefängnisstrafe bedroht…

Ja, Widerstände gibt es von Rechten wie von Linken. Auch von der SPÖ, von den Gewerkschaften und natürlich von den Wiener Linien. Ich suche den Streit nicht, aber wenn er da ist, dann ist er eben Teil meiner Arbeit. Und ich gebe zu, ich jammere öffentlich: Sechs Wochen Gefängnis werden mir sehr schwer fallen, zu überleben – ganz brutal. Natürlich werde ich es überleben, aber ich habe da echt Schiss davor: Sechs Wochen nicht mein Leben leben, mich nicht mit meinen Kindern unterhalten dürfen, keine Späße machen mit der Jüngsten und nicht diskutieren können mit den beiden Großen, nicht meine Frau bei mir haben – das geht einfach nicht, unmöglich.

 

Aber trotzdem machen Sie weiter…

Bei einigen Sachen, die ich klebe, denke ich mir: ja, so schreibt man, so geht’s, so bringt das den Leuten was. Ich habe auch sonst noch nie so eine Textform wie meine Zettel gesehen. Die werden auch von Leuten gelesen, die sonst nichts lesen. Ich beklebe ihre Alltagswege und wenn sie das dann sehen, dann denken sie: ja, das sagt mir was. Das ist Pionierarbeit, wenn jemand, der sonst nie etwas liest, sagt: ja, das gefällt mir.

 

Wie viele Texte haben Sie in dieser Form schon veröffentlicht?

Das ist schwierig, weil man da auch verschiedene Varianten eines Textes mitbedenken muss – das ist Schwerstarbeit, da gibt’s von einem Text bis zu zehn, zwanzig Varianten. Aber ich würde sagen: ungefähr zehn- bis vierzehntausend Texte, von denen ich etwa fünf Prozent für bleibend halte – bei denen sage ich dann: ja, der ist gut.

 

Also gibt es auch Neuauflagen von erfolgreichen Texten?

Ja. Manche Texte drucke ich dauernd nach, z.B. hundert oder tausend Stück. Andere Texte drucke ich ein paar Mal nach und dann nur mehr selten, das ist ganz verschieden.

Seit etwas mehr als einem Jahr mache ich auch Fotos von den Texten und stelle sie ins Internet. Ich habe Mail-Abonnenten, bin auf Facebook und Twitter. Auf Facebook habe ich so vom Namen her ungefähr dreißig Prozent Neo-Wiener als Fans, die total begeistert von mir sind und die vor allem auch zwei Sprachen können: neben Deutsch auch Kroatisch, Serbisch oder Türkisch. Die übersetzen dann diese Sachen – wunderbar!

 

Haben Sie als Schriftsteller auch Kontakt zur institutionalisierten Literaturszene?

Der Gerhard Ruiss vom Literaturhaus hat mir schon oft geholfen: tolle Presseaussendungen und in Notfällen auch ein paar Schillinge. Der ist ein super Gewerkschafter und Künstler, während einige andere Schreiberlinge mich überhaupt nicht mögen – aber das ist inzwischen auch besser geworden.

Aber ich bin mir selbst mein Medium. Die anderen Medien, die Presse, das Literaturhaus – die gibt’s zwar, aber ich bin abseits. Aber gleichzeitig gibt es auch diese Überschneidungen.

 

Der Schriftsteller bei seiner Arbeit am Schwedenplatz

Ein-, zweimal in der Woche gehe ich in der Nacht herum und beschreibe alles mit Edding – Brückengeländer, Baustellen, Gehsteige… aber nie auf Hauswände, außer es ist ein Abbruchhaus. Und manchmal reißt es mich: Plakatwände, die frauenverachtend und männerverdummend sind – die ergänze ich dann. Oder auch Autowerbungen, z.B. mit „Wozu noch mehr Konsumirre?“

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer Literatur außerhalb von Wien gemacht?

Nur gute. Nächste Woche bin ich z.B. in Vöcklabruck eingeladen, in einer riesengroßen Schule. Da gibt’s ein „Sozialwendfeuer“ und einen Stadtrundgang mit zehn Kurzlesungen. Auch im Gmundner Gymnasium war ich vor zwei Jahren eingeladen, aber solche gut bezahlten Lesungen werden seltener – das Budget dafür gibt’s offenbar nicht mehr.

 

Und im Ausland?

1983 wurde ich vom Sender “Freies Berlin” nach Westberlin eingeladen. Seitdem brauche ich das: einmal im Jahr für zwei bis vier Wochen nach Berlin, um mich von und für Wien zu erholen. Aber nicht länger! Nach vier Wochen geht mir das Motschkern ab – in Berlin fäult mich niemand an und niemand zeigt mich an.

Oder in München, auch wenn Bayern konservativ ist: meine Texte auf drei dicken Bäumen am Stachus – kein Problem.

Oder in Frankfurt vor der Buchmesse: Polizisten pflücken meine Gedichte – für sich selbst! Und am nächsten Tag kommen sie wieder und wählen sich neue Texte aus – die kommen gar nicht erst auf die Idee, dass das verboten sein könnte.

 

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft Ihrer Zettelliteratur?

In den ersten 25, 30 Jahren gab es etwa 30.000 echte Fanbriefe, jetzt sind es pro Woche nicht einmal drei oder vier. In diesen Briefen war oft ein Zwanziger oder ein Fünfziger drinnen – das passiert jetzt aber viel seltener als noch in den 90er-Jahren. Auch Kontoüberweisungen gibt es nicht mehr so viele wie früher.

 

Dann stellt sich hier vielleicht auch eine Medienfrage? Die Kommunikation läuft ja jetzt auch über neue Kanäle, wie eben E-Mail oder Facebook…

Ja, und dort erreiche ich ein ganz anderes Publikum. Mehr als die Hälfte von diesen Fans hat meine Texte ja noch nie wirklich gesehen, nur auf den Fotos. Und die haben dann nichts auf der Hand und vielleicht deswegen auch keine Gegenleistungsgefühle. Die, die meine Texte gepflückt haben oder an die ich sie per Post verschicke, die reagieren noch immer; aber das Allerärgste ist: die sterben weg – jede siebte, achte Aussendung kommt bereits zurück: „Adressat verstorben“.

Und dem neuen Publikum im Internet sind die Texte in dieser Form keine Gegenleistung wert, wobei ich betone: ich mache das alles wirklich gerne gratis. Aber ich bin es auch gewohnt, davon zu überleben – wenn auch nur mit wenig Geld.

 

- Fotocredits: Michael Granner

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