Summer Of Fashion Teil 2/2
Ob man will oder nicht: Mode drängt sich mehr und mehr in das öffentliche Bewusstsein. Die Konfrontation mit dem Thema erfasst früher oder später jeden. Doch warum hat Mode so viel Macht? Und wie macht sie aus dem passiven Konsumenten einen Individualisten? Wien mag vielleicht nicht auf einer Höhe mit London und New York sein, Reflexionen zum Thema bietet es im “Modesommer” einige. VIENNARAMA schnupperte in den Wiener Modekessel und witterte alles außer fette Beute.
Mode läuft auf allen Kanälen. Den Erfolg von Sex and the City führt nun Gossip Girl weiter. Zappen wir weiter heißt es bei Suits, dass allein die Qualität des Anzugs dem Träger nicht nur Beachtung, sondern auch Achtung schenkt. Blogs frönen zügellos dem Streetstyle und geben schwelgerische Einblicke in After-Fashion-Show-Time und Dresscode seiner Besucher. Fashion-Plattform lookbook.nu hypt mit der Ansicht auf das modische Bewusstsein eines beschränkten Zirkels an Privatpersonen. So weit, so gut, lauten also die Ingredienzien für den erfolgreichen Trendsetter: Sex, Macht, Schönheit, Kohle, Zurschaustellung und Exklusivität. Die einen geben Ideale vor, die Anderen hoppeln hinten nach und der Kreis schließt sich. Es gibt alternative Perspektiven.
Otto will nicht schlucken, was Otto kriegen kann
Ein altbewährtes Ideal fehlt: Der Individualismus. Fälschlicherweise meinen viele, es handle sich dabei um Exklusivität oder Auffälligkeit. Es geht dabei aber nicht um saisonbedingte Persönlichkeitsveränderungen, Anti-Globalisierungstendenzen oder nach Aufmerksamkeit heischenden Regenbogensträhnchen im Haar. Wir sehen den modischen Individualismus hier als eine Weltanschauung und Metapher. Mode versteht sich nicht als ein Katalisator von Einfalt und Eitelkeit, sondern als Privileg zu Freiheit. Als ein demokratisches Ventil bietet es die Möglichkeit propagierte Schönheitsideale über den Haufen zu werfen und sich eine eigene Ästhetik zu finden. Hier geht es nicht mehr darum, was In oder Out ist. Hier geht es um Erkenntnis und Selbstfindung. On Demand: Otto will nicht schlucken, was Otto kriegen kann. Otto reist, liest, lernt, sieht Welt (ob cyber ob real) und bildet ein Gespür dafür, was zu ihm passt. Kurzum: Man nimmt, was man will. Am Ende ist man sich Selbst sein eigenes zeitloses Meisterwerk.
Apropos Werk: Zwei Ausstellungen im MQ widmen sich dieses Jahr dem Thema. Zum einen Technosensual mit freiem Eintritt, zum anderen Reflecting Fashion auf überwältigenden 5 Stockwerken. VIENNARAMA erhoffte sich Antworten und wagte einen Blick auf die textilen Kunstwerke. In Technosensual vereint das Freiraum quartier21 Mode und Technologie. Gezeigt werden intelligente Kleidung und flexible Stoffe: Etwa ein Elektroschock abgebendes Lügendetektorkleid. Ein glitzerndes „Flirtkleid“, welches das Gesicht der Trägerin aus Schüchternheit zu bestimmtem Zeitpunkt in Nebelschwaden hüllt. Anderswo werden Materialien bei Körperkontakt transparent oder schmiegen sich an den Träger wie eine zweite Haut – im wahrsten Sinne des Wortes. Es verwundert nicht, unter den Ausstellungsstücken auch eine Videoinstallation des international renommierten Designers Hussein Chalayan zu finden. Die interaktive Ausstellung zieht den Betrachter in den Bann und hebt den Blick über die Grenzen des Vorstellbaren. Wer hätte Kleidung soviel Eigenleben zugeschrieben? Doch sind elektronische Textilien realistisch?
Reflecting Fashion
Wir denken die Antwort liegt in MUMOK’s Reflecting Fashion und irren dort auf 5 Stockwerken wie Odysseus durch ein schillerndes Spektrum aus Aphorismen berühmter Persönlichkeiten und surrealen Kleidungsstücken. Vorbei am Moon Girl André Courrèges, einem pinken Paar Frotteeschuhen und Valie Export’s Genitalpanikhose mit Loch im Schritt. Vorbei am Stuhl-Schuh und Yayoi Kusama’s goldenem Vlies alias Nudelkleid. Eindrucksvoll ist das überdimensionierte Hochzeitskleid des bulgarischen Künstlers Christo, das wie ein zusammen gewurschtelter Fallschirm an der scheinbar Gelandeten hängt. Dann noch vorbei an unzähligen Mustern, Stoffen und altbewährten Überlegungen. Da bietet sich nichts Weltbewegendes und einige Fragen bleiben offen.
Hybridwesen Mode

Passen Mode und Technik zusammen? Wo liegt die Grenze zwischen Mode und Kunst? Warum würde ich manches Kunstwerk gerne an der Wand sehen, aber nicht an mir selbst? Mode ist so intensiv in das Leben integriert und an den Menschen gebunden wie etwa Sprache. Der Versuch, sie als eigenständige Einheit zu betrachten, ist in diesem Sinn nur bedingt möglich, weil sie sich an Umwelt, Nutzen und Person anpasst. Somit schmeißen wir die Fragen nach einer endgültigen Perspektive und überlassen uns dem Stimmengewirr: Mode als dynamisches Hybridwesen, als surreales Geblüm, als eiskalter Industrieapparatus, als Identitätsbestandteil, als Marke, als Absatzmarkt, als Kleider und Schuhe, als Kontinuum mit Kommerz an einem Ende und Individualität am Anderen, als textile Manifestation des Trägers, als unanständiges Phänomen, als passive Kunst, als lebendes Geschöpf.
Technosensual – bis 2.September im Freiraum quartier21
Reflecting Fashion – bis 23.September im MUMOK
Fotocredits:
Juliett Kuczynska auf lookbook.nu
Joseph by Nikola Lamburov
Markus Geiger
Christo
eSeL
Bart Hess




