Interview: Frank Gassner
„Sie können Bücher nehmen. Sie können Bücher geben. Keine Anmeldung. Keine Kosten.“ So einfach ist die Benützung von Frank Gassners offenen Bücherschränken, mit denen er in mittlerweile drei Wiener Bezirken zum kollektiven Büchertausch auffordert. VIENNARAMA hat den Künstler getroffen und mit ihm über seine nicht-kommerzielle Besetzung des öffentlichen Raums gesprochen.
Sie stellen den Bewohnern Wiens jetzt seit ungefähr zweieinhalb Jahren offene Bücherschränke zur Verfügung. Welches Konzept liegt diesem Projekt zu Grunde?
Das grundsätzliche Konzept ist zunächst mal nicht von mir. Clegg und Guttmann haben offene Bibliotheken ja bereits in den Neunzigerjahren gemacht. Aber soweit ich weiß, haben die das eher skulptural gesehen, auch wenn sie sich schon auch für den sozialen Prozess interessiert haben.
Vor zwei, drei Jahren ist das dann wieder in der Luft gelegen, etwas mit Tausch im öffentlichen Raum zu machen. Da habe ich mir gedacht, dass das ja eine gute Idee ist, und dann habe ich recherchiert und gesehen, dass es das auch in Deutschland öfter gibt. Und die Grundidee, die für mich dahintersteht, ist die Nutzung des öffentlichen Raums mit etwas, das nichts mit Geld zu tun hat. Wobei da für mich die Bücher nicht so sehr im Vordergrund stehen – die sind mehr Mittel zum Zweck.
Also geht es Ihnen eher um die kollektive Verwendung als um ein bestimmtes Gut?
Das ist keine Leseinitiative. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass die Leute mehr lesen, wenn man ihnen die Bücher gratis auf den Gehsteig stellt. Und ich halte das Lesen jetzt auch nicht so für die schützenswerte Kulturtechnik, die man auf jeden Fall erhalten muss. Man wird in hundert Jahren halt eher einen Film anschauen und so zu Wissen kommen. Ich bin da recht unsentimental, vor allem im historischen Blick. Vor 200 Jahren wurde etwa noch davor gewarnt, dass Frauen lesen und überhaupt soll es ja ganz schlecht für die Augen sein.
Aber die Bücher haben sich angeboten, weil was sollte man sonst noch so tauschen? Sonst bietet sich ja eigentlich nichts an, was so handhabbar ist und auch dann noch einen unzweifelhaften Wert hat, wenn es schon von jemandem verwendet worden ist. Und Bücher sind auch organisatorisch leicht zu handhaben: sie haben halt eine bestimmte Größe und passen dann auch gut ins Regal.
In der „Brauchbar“, einer kleinen Tauschnische in der Kandlgasse 15, habe ich ja dann das Konzept etwas erweitert. Der Idee der Giveboxen folgend kann hier alles getauscht werden.
Wie waren die bürokratischen Hürden für so ein Projekt im öffentlichen Raum zu bewältigen ?
Das war relativ unproblematisch. Man braucht eine Genehmigung von der MA 46 und dann eine von der MA 28. Die holt man ein, das kostet ein bisserl was und fertig. Ich muss halt Standmiete bezahlen, das sind vierzig Euro im Jahr.
Eigentlich ist es erschreckend, wie billig der öffentliche Raum ist, ich könnte da ja auch ganz etwas anderes machen. Da geht es nicht darum, ob ich Geld mache oder nicht, sondern einfach um den öffentlichen Raum – und den gibt es in dieser Größe eben schon um vierzig Euro im Jahr.
Aber man hat das nur genehmigt und nicht weiter finanziell unterstützt?
Ja, genau. Allerdings gibt es jetzt ein paar Förderungen, ein bisschen was vom Alsergrund und von Ottakring – aber im Angesicht der Gesamtkosten sind das Bagatellbeträge. Es gibt auch ein paar Leute, die etwas dafür gespendet haben, aber das ist auch nur ein kleiner Teil davon. So ist das Ganze im Wesentlichen privat von mir finanziert.
Ist das Konzept von den Benutzern gleich verstanden worden?
Auf dem Schrank im Siebten gab es früher noch so eine große Aufschrift: „Sie können Bücher geben, Sie können Bücher nehmen, keine Anmeldung und keine Kosten.“ Jetzt haben es die Leute schon kapiert und darum ist jetzt auch eine andere Aufschrift drauf.
Eine Gefahr, die im öffentlichen Raum ständig besteht, ist die des Vandalismus – ist der ein tatsächliches Problem?
Einmal sind mir alle drei Schränke an einem Abend beschädigt worden – das war wohl wirklich ein Anschlag gegen die Bücherschränke und nicht bloß eine angesoffene Geschichte. Der in Neubau musste erneuert werden, nachdem er so stark beschädigt worden war, dass er nicht viel länger durchgehalten hätte – und nachdem der jetzt unbefristet genehmigt worden ist, habe ich ihn gleich ganz neu gebaut. Der Schrank im Neunten ist jetzt auch wieder beschmiert worden, aber so geht es auch jeder Parkbank – so ist das halt im öffentlichen Raum.
Kommt es manchmal auch vor, dass ein Bücherschrank von jemandem vollkommen leergeräumt wird?
Ja. Und auch umgekehrt, dass sie ganz vollgeräumt werden – das gibt es beides.
Vor allem am Anfang gab es das Problem, dass die Schränke wirklich vollkommen ausgeräumt wurden. Jetzt werden die Bücher regelmäßig abgestempelt, um zu vermeiden, dass die Bücher einfach ausgeräumt und dann am Flohmarkt weiterverkauft werden. Es hat sich leider gezeigt, dass das wirklich notwendig ist.
Auch in Bonn gibt es schon sehr lange einen Bücherschrank bei der Uni. Das soziologische Institut hat dann eine Untersuchung über das Nutzerverhalten gemacht und da hat sich herausgestellt: Es sind alle Altersgruppen sowie Männer und Frauen gleich vertreten. Und es gibt Leute, die nur geben, und solche, die nur nehmen. Dass Leute unmittelbar tauschen und gleich viel hineingeben wie sie herausnehmen, das findet eigentlich fast nicht statt. Aber das ist auch nicht weiter schlimm, weil im Großen und Ganzen funktioniert es dann trotzdem.
Das Design der Schränke mit den vielen schrägen Außenflächen lässt sie beinahe wie eine öffentliche Skulptur wirken. Aber gleichzeitig hat das ja auch einen praktischen Grund…
Ja. Die Schränke sind alle selbst gebaut und nicht bei einer Firma in Auftrag gegeben. Und die Idee war einfach: Ich habe irgendwie schauen müssen, dass die Türen von alleine zufallen, dass die Bücher drinnen stehen können und dass oben keine geraden Flächen sind, auf denen der Schnee liegen oder das Regenwasser stehen bleibt. Und darum war halt das Naheliegendste, das ganze Ding schief zu gestalten. Das war wohl eine watscheneinfache Idee, die viele Probleme auf einmal gelöst hat.
Bei den Schränken in Ottakring und Alsergrund habe ich ja zudem mit zwei Architekten, Irene Prieler und Michael Wildmann, zusammengearbeitet. Beim Entwurf haben wir sehr auf die Umgebung geachtet und die Entwürfe sind an den Standorten wohl nicht austauschbar.
Die Außenflächen des Schranks in Neubau wurden vom Künstler Hermann Nitsch gestaltet. Wie ist es dazu gekommen?
Das war eine sehr kurzfristige Sache. Ich habe den Schrank in Neubau eben neu gebaut und bei der Planung noch nicht so recht gewusst, was da jetzt außen drauf kommen soll. Ich habe hin und her überlegt und mich letztendlich für eine künstlerische Außengestaltung entschieden. Dann war für mich das Naheliegendste, Hermann Nitsch zu fragen, weil ich mit ihm jahrelang gearbeitet habe. Und jetzt ist dort eine Seite der Partitur des Sechstagespiels angebracht, das Nitsch ja als Drama versteht und das damit auch eine gute Berechtigung hat, auf einem Bücherschrank zu picken.
Im vergangenen Juni gab es am Ottakringer Bücherschrank im Rahmen des Ausstellungsprojekts „grundstein“ eine Reihe von offenen Lesungen, die auch von prominenten Gästen unterstützt wurde. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?
Es hat mich gefreut, dass das Niveau der Lesungen relativ hoch war. Es war zwar schon breit gestreut, aber auch Schriftsteller, die bereits etwas veröffentlicht haben, hat es gereizt, da etwas zu lesen. Und es hat mich auch gefreut, dass Leute wie Tarek Leitner oder Manfred Rebhandl das als unterstützenswerte Sache gesehen haben und da auch ihre Namen zur Verfügung gestellt haben. Ende September werde ich zu „grundstein“ sicher wieder etwas ähnliches machen.
Gibt es Pläne für weitere Bücherschränke in Wien?
Ja. Es gibt sehr konkrete Planungen meinerseits für weitere Bücherschränke, aber dazu will ich jetzt noch nicht mehr verraten, da hier noch sehr viele Hürden, vor allem bei der Finanzierung, zu nehmen sind.
Frank Gassners offene Bücherschränke in Wien:
- Neubau: Ecke Zieglergasse/Westbahnstraße
- Ottakring: Ecke Grundsteingasse/Brunnengasse
- Alsergrund: Heinz-Heger-Park, vor Zimmermannplatz 1
Fotocredits: Verein “Offene Bücherschränke” (Logo, Moderation F. Gassner), Michael Granner




