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Politischer Populismus – eine spannende Ausstellung, auf die Wien lange gewartet hat. Dies sieht man auch an dem Zustrom der vielen Journalisten, die stehend und sitzend in der Kunsthalle darauf warten, dass Kurator Nikolas Schaffhausen bei der Pressekonferenz 10 Uhr morgens das Wort ergreift. Das tut er auch, jedoch etwas relativierend.

Politisch oder Populistisch?

Zu Beginn seiner Rede setzt die erste Enttäuschung ein. Diese ergibt sich nicht etwa aufgrund der Ausstellungswerke, sondern vor allem bezüglich der Art und Weise, wie das Thema der Ausstellung mit den Exponaten verbunden wird bzw. stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Ausstellungstitel und Werken gibt. Somit muss man sich bei einem Besuch der Kunsthalle darauf gefasst machen, kein wirkliches Engagement im Sinne des politischen Populismus präsentiert zu bekommen. Stattdessen wird nur die eine Hälfte serviert, das Politische.

Schaffhausen spricht in seinen eröffnenden Worten von einer verunsicherten Bevölkerung und ihren diversen Ängsten durch die Krisen, von der nationalen Isolation in einer eigentlich globalisierten Welt, und der “suggerierten Einfachheit einer populistischen Rhetorik” die sich schlussendlich gegen sich selbst richtet. Das ist etwas viel, denn der Titel der Ausstellung lässt eigentlich nur auf letzteres schließen. Schaffhausen jedoch meint, dass die Kunst nicht auf tagesaktuelles Geschehen reagieren muss. Daher wird seiner Meinung nach politischer Populismus auch etwas breiter gefasst.
Im Endeffekt greift die Ausstellung wohl eher das politische Engagement von Künstlern auf. Dies tut sie jedoch sehr gut, vor allem befasst sie sich mit den Ängsten vor Überwachung und Co.

Überwachung durch NSA und Co.

Bleiben wir gleich bei der Überwachung, die mehrere Künstler in dieser Ausstellung aufgreifen. In einem dunklen, abgeschotteten Raum im 1. Stock kann man Trevor Paglen’s Videoinstallation begutachten. Eine bedrückende, stoische Momentaufnahme der Orte, an denen die sogenannte “Intelligence” produziert wird. Zu sehen sind die Hochsicherheitszonen der amerikanischen NSA und der großbritannischen Government Communications Headquarters (GCHQ). „89 Landscapes“, so der Titel, basiert dabei auf Filmaufnahmen des preisgekrönten Dokumentarfilmes Citizen four, welcher die Enthüllungen Snowden’s reflektiert.

Videoinstallationen sind generell vermehrt anzutreffen, was den Besuch der Ausstellung ins Unendliche ziehen könnte. Man/frau plant also besser gleich etwas mehr Zeit ein.

Gefährliche Dystopien

Hito Steyerl, Factory of the Sun (Videostill), 2015, Courtesy the artist
Hito Steyerl, Factory of the Sun (Videostill), 2015, Courtesy the artist

Ein weiterer abgetrennter Raum wurde durch einen extra angefertigten Kubus geschaffen, in welchem man sich – unter Begleitung von Techno-Musik – dystopischen Zukunftsszenarien des Künstlers Hito Steyerl hingeben darf. „Factory of the Sun“ wurde das Werk betitelt. Thema? Alles und nichts. Von den un/transparenten Gebaren der Deutschen Bank, die verleugnet etwas mit irgendwelchen Krisen zu tun zu haben, über Anime-Computer-Figuren, die sich in Konfrontationen in Kobane noch viele Jahre später bekämpfen, ist alles dabei (gleichzeitig ist das natürlich ein interessanter Vorbote der leicht einzuschätzenden Gaming-Industrie, die bestimmt schon ein neues Shooter-Game zum neuesten Konflikt im Nahen Osten entwickelt). Aber auch von Aufständen in Singapur in 2018 wird berichtet – so, als ob sie jetzt schon Realität wären und wir einen TV-Bericht darüber im Hier und Jetzt verfolgen würden. Alles recht politische Statements, aber hieß der Titel der Ausstellung nicht Politischer Populismus?

Johanna Kandl, O.T. (It´s the economy, stupid), 2002, Courtesy GfzK Leipzig
Johanna Kandl, O.T. (It´s the economy, stupid), 2002, Courtesy GfzK Leipzig

Die Absenz des Populistischen

VIENNARAMA begibt sich daher auf eine gezielte Suche nach dem Populistischen. Mit etwas Goodwill findet man Elemente eines solchen (Anti-)Populismus in den Werken der österreichischen Künstlerin Johanna Kandl, welche Fotografien aus dem Ostblock und Nicht-Ostblock als Grundlage für ihre Malerei verwendet. „It’s the economy, stupid!“ ist der Slogan eines ihre Werke und zeigt die Effekte einer populistischen Rhetorik gut auf. Nämlich jene, die die eigentlichen Hintergründe einer Krise verschleiert und stattdessen „Scapegoating“ betreibt. Eine der stärksten Konsequenzen des politischen Populismus – die rechts-populistische Degradierung der Würde jedes Menschen in Sicherheit zu leben, und nicht etwa vor Ungarns neu aufgezogenen NATO-Zäunen kampieren zu müssen – wird in der Ausstellung überhaupt nicht zum Thema gemacht. Wenn Schaffhausen davon spricht, dass Kunst eine kritisch-interpretative Rolle annimmt, so wird sie dieser in der Kunsthallen-Ausstellung jedenfalls leider nicht gerecht.

Interessant ist auch ein weiteres Bild von Kandl, in dem sie die großen Denker und Politiker des letzten Jahrhunderts auf Markttischen zusammensitzen lässt. Da sitzt Butler neben Buffet, Trotzki neben Trump, Gramsci neben Greenspan. Auf die Frage, was dies mit der Ausstellung zu tun hat (obwohl sehr interessant), scheint auch die Künstlerin keine Antwort zu haben. Sie verstehe die Frage nicht.

Später trifft VIENNARAMA auf den Kurator und konfrontiert mit der Absenz des Populistischen. Dieser meine, dass es nicht nur um das Populistische ginge, sondern auch um das Anti-Populistische. Nagut.

Eine komplizierte, oder auch gar keine Erklärung

Was ist denn das Anti-Populistische? Schaffhausen bietet hier keine genaue Definition an. Denn “radikal subjektive Kunst vereinfacht nicht, sie verkompliziert”, laut Schaffhausen. Somit ist die Ausstellung dann der Gegenpol zum Populismus, welcher ja stark vereinfachte Lösungen auf komplexe Probleme offeriert? Die Frage ist nur, ob man Populismus am besten mit dem vermeintlichen Gegenpol – Komplexität – erklärt.

VIENNARAMA-Fazit: Da die Ausstellung zu freiem Eintritt angeboten wird, und man daher darauf schließen könnte, dass es der Kunsthalle um ein größeres Publikum geht, dass sich mit Populismus beschäftigen sollte/wollte/könnte, stellt sich die Frage wiederum, ob dies gelungen ist. Wahrscheinlich nur halb. Sehenswert ist die Ausstellung trotzdem.
Führungen gibt es auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch sowie Türkisch. Ende Jänner findet zu der Ausstellung ein Symposium in der Kunsthalle Wien Karlsplatz statt.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 7. Februar 2016

Kunsthalle Wien Museumsquartier
Museumsplatz 1
1070 Wien
Täglich 10-19 Uhr
Donnerstag 10-21 Uhr
Weitere Informationen

Fotocredits: Kunsthalle Wien

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