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Pädagogen. Wissensvermittler. Psychologen. Therapeuten. Sozialarbeiter. Allgemeinmediziner. Die Ansprüche, die wir an Lehrer heutzutage stellen, scheinen grenzenlos. Trotzdem kommen sie in der öffentlichen Diskussion meistens schlecht weg. Arbeiten wenig. Haben zu viele Ferien. Wir haben es gewagt und haben in unserer neuen Rubrik „Ein Tag als …“ einen ganzen Tag im Klassenzimmer verbracht. Wie es VIENNARAMA-Chefredakteurin Hannah dabei gegangen ist und wieso sie nun ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Nachnamen hat, lest ihr hier. 

 

Bildung ist der Schlüssel für die Zukunft. Diesen Satz hört man besonders in letzter Zeit wieder häufiger. Die Zukunft von morgen entsteht heute. Und das in den Klassenzimmern. In der Schule lernen wir nicht nur, uns Wissen anzueignen, wir knüpfen soziale Kontakte und treffen Entscheidungen, die unser ganzes Leben bestimmen. 220.000 Schülerinnen und Schüler besuchen fast 700 Schulen in Wien. Schlüsselfiguren in diesem Prozess sind unsere Lehrer. In Wien sind es 12.000 allein an den Pflichtschulen. Sie haben die Macht, Interessen zu wecken, Begeisterung für Themen zu vermitteln, Ängste zu verstärken (Mathematik!!!) und prägen unser soziales Empfinden. Eines ist klar: Lehrer sitzen am längeren Ast – sie haben am Ende des Tages die Macht zu benoten und können Sanktionen aussetzen. Wie sie diese Macht nützen, ist natürlich unterschiedlich.

Als Lehrerkind habe ich schon von klein auf mitbekommen, wie ein Lehrer-Familien-Alltag aussieht, weswegen ich die Vorwürfe, Lehrer seien faul, nie verstanden habe. Aber natürlich war auch ich in der Schule und habe alles selbst erlebt: von Tyrannen, für die Demütigungen der Schüler auf dem Tagesprogramm standen, über apathische Lehrer, die sich von den Schülern auf der Nase herumtanzen ließen, bis hin zu Lehrern, bei denen man gemerkt hat, dass die Schüler ihnen wirklich am Herzen liegen, die jede Stunde mit Begeisterung das Klassenzimmer betraten und den Funken an die Schüler weitergegeben haben.

Lehrer sind Beamte und arbeiten bis zum 65. Lebensjahr. Für einen psychisch wie physisch fordernden Job ganz schön lange. Aber wie sieht denn jetzt der Alltag eines Lehrers aus? Wir haben es getestet und waren einen Tag lang hautnah dabei. Dabei haben wir so ziemlich jede emotionale Ebene durchlebt: Euphorie beim Entstehen der Idee, Aufregung, als dann der Tag vor der Türe stand, Glücksgefühle, als alles gut gegangen ist, Verzweiflung, all die Eindrücke in einen objektiven Bericht zu packen, und schließlich die Bezwingung des inneren Schweinehunds.

 

6.00 Uhr: Der frühe Vogel kann mich mal

Sechs Uhr Früh ist früh. Sehr früh sogar. Aber wer Körperpflege und Frühstück noch vor dem Schrillen der Schulglocke unter einen Hut bringen will, der muss eben um 6.00 Uhr aus dem Bett. Laune? Steigerungsfähig. Doch schließlich gilt es auch, eine Gangaufsicht zu halten. Fühle ich mich der Anforderung gewachsen, einen klaren Gedanken zu fassen? Definitiv. Fühle ich mich der Anforderung gewachsen, ca. 20 wissbegierigen kleinen Menschen etwas beizubringen? Definitiv nicht. Der Tag verspricht also interessant zu werden. Alle Skeptiker dürften aufatmen: Ich war nur Beobachterin und wurde nicht alleine auf die Schüler losgelassen.

 

7.45 Uhr: Guten Morgen!

Glück gehabt. Wir haben es rechtzeitig in die WMS Leipzigerplatz geschafft. Wir – nämlich nicht nur ich, sondern auch meine „Partnerin in Crime“, die ich einen Tag lang begleiten werde, und die zufälligerweise auch meine Nahest-Verwandte ist. Meine Mutter. Passionierte Lehrerin, seitdem ich denken kann. Heute ist sie nicht die Mama, sondern Frau Poppenwimmer. Ich muss sie also teilen. Mit kleinen Wesen, für die sie eine ähnliche Rolle spielt wie für mich. Sie unterrichtet sie in erster Linie, ist aber auch Ansprechpartnerin bei Sorgen, Ängsten, aber genauso bei Freude und Höhenflügen. Eine Klassenmama also. Ich war immer stolz auf meinen Namen. Das wird sich im Laufe des Tages drastisch ändern. Das weiß ich Gott sei Dank um 7:45 Uhr noch nicht und betrete frohen Mutes das Schulgebäude. Mit einer gewissen Anspannung begrüßen wir also im kleinen Nebengebäude die Schüler. Angespannt natürlich nur ich. Lehrerin Poppenwimmer reißt mit dem einen oder anderen Scherz auch den verschlafensten Schüler aus einer zombiemäßigen Lethargie.

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8.00 Uhr: Vom Basilisken und der Entstehung der Erde

Acht Uhr. Pünktlich geht die Schule los. Aber zu meiner Verwunderung nicht mit einem mir wohl bekannten schrillen Läuten, sondern dem geradezu lieblich klingenden Bimmeln einer Triangel. Glocke gibt es in der „Kleinen Schule“ nämlich nicht. Sympathisch. Wir starten den Unterricht mit einer kinesiologischen Übung, die die Schüler aufwecken soll. Auf die Frage, wo ich den Platz nehmen soll, ernte ich nur höhnisches Gelächter. „Lehrer sitzen nicht!“ Und das stimmt sogar. Während des Deutschunterrichts sitzt der Klassenvorstand, wenn es hoch kommt, eine Minute. Beim Eintragen der Fehlenden. Und das, obwohl „nur“ gelesen wird. Heute: Wiener Sagen. Die sind nämlich Thema der Schularbeit kommende Woche. Während die Schüler nacheinander lesen – worum sie sich übrigens reißen und ein Wettstreit entsteht, wer höher und eindrucksvoller aufzeigen kann – geht die Lehrerin stets auf und ab. Und dann kommen wir von den Sagen plötzlich auf die Frage, wie ein Planet entsteht. Was mir ein großes Fragezeichen ins Gesicht zaubert, wird von Lehrerin Poppenwimmer elegant beantwortet, bevor sie dann wieder auf das Kernthema, nämlich den Basilisken, zurückzukommen. Dann schon die erste Pause. Das ging schnell.

 

9.00 Uhr: Freistunde – oder so ähnlich

Unsere Freistunde wird genutzt, um Hausübungen und Grammatikübungen zu kontrollieren. Offiziell verbessern darf ich natürlich nicht, aber ich sehe mir jede Aufgabe an und kontrolliere sie in Gedanken. Ganz schön anstrengend. 20 Mal dieselbe Aufgabe zu lesen und dabei nicht in Gedanken abzuschwenken, stellt sich als überraschend fordernd heraus. Dass Verbessern aber auch lustig sein kann, wird durch das häufige, laute Lachen bewiesen, wenn man über einen lustigen Flüchtigkeitsfehler oder die Verdrehung von Sinnhaftigkeiten stolpert. Das kenne ich. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Lehrerin Poppenwimmer, mir hauptsächlich als Mama Poppenwimmer bekannt, Tränen über meine verdrehten und teilweise ad absurdum geführten Sprichwörter lachen kann.

 

10.00 Uhr: Anne Frank trifft Tom Sawyer

Auf geht’s in eine vierte Klasse. Jetzt werde ich nervös. Kinder sind schon erbarmungslos ehrlich. Das hat mich schon in der Früh eingeschüchtert. Aber ich kenne pubertierende Jugendliche. Ich war ja schließlich selber mal einer. Sie sind der Schrecken des Bösen. So mein Vorurteil. Die Begrüßung ist noch g’schamiger als in der zweiten Klasse, aber auch hier werde ich herzlich begrüßt. Deutsch steht auf dem Tagesprogramm. Das Besondere: Die Lehrer sind immer als Duo in der Klasse. Ein Lehrer hat sozusagen den Lead und der andere geht durch die Klasse, unterstützt ihn und hilft den Schülern bei offenen Fragen. Teamteaching kann auch in die Hose gehen. Mir fallen mindestens genauso viele Menschen ein, mit denen ich nicht arbeiten wollte oder könnte wie solche, mit denen ich mir die Zusammenarbeit großartig vorstelle. Die Kombination hier in der Vierten funktioniert gut. Die Rollenverteilung ist stimmig und die Stunde beginnt mit einer Wiederholung. Bestimmen von Satzgliedern. „Bitte, fragt mich nicht spaßhalber!“ Dieses Stoßgebet sende ich Richtung Himmel, als ich merke, dass aus meiner Schulzeit grammatikalisch so rein gar nichts hängen geblieben ist. Bei den Viertklässlern, Gott sei Dank, schon. Und so wird die Stunde damit verbracht, Grammatik zu üben und einander zu kontrollieren. Für viele Schüler offensichtlich ein Highlight.

 

11.00 Uhr: Freistunde

Eine falsche Freistunde, möchte ich fast sagen. Denn gemeinsam mit der Kollegin und Integrationslehrerin der Klasse gehen wir auf einen Kakao. Doch wer an ein Plauderstündchen denkt, der irrt. Jetzt stehen Planung, Nachbesprechung und Austausch über die Schüler auf dem Programm. Geplant werden die sogenannten „KEL“-Gespräche. Kinder-Eltern-Lehrer. Die kommen nämlich einmal im Semester zum Austausch zusammen. Anders als beim Elternsprechtag – der ja meistens nichts Gutes zu bedeuten hat, wenn man denn vorgeladen wird – stehen beim „KEL“-Gespräch nur positive Aspekte im Mittelpunkt. Jedes Kind darf seinen Eltern präsentieren, welche Themen es in den vergangenen Monaten besonders interessant gefunden und was es geleistet hat. Und auch die Lehrer berichten über die positiven Seiten der Schüler. Das Ziel ist es, Eltern besser einzubinden und auch den Schülern die Chance zu geben, im „offiziellen“ Rahmen zu zeigen, was sie besonders gut gemacht haben.

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12.00 Uhr: Mittagessen mit den Kindern

Wer viel denkt, der muss sich auch mit genügend Energie versorgen. Genau das tun wir auch zur Mittagszeit. Auch hier haben wir Chaos und Anarchie erwartet. Doch die Schüler sind zivilisiert und unterhalten sich nett miteinander. Es zeigt sich wieder einmal: Kinder darf man nicht unterschätzen. Einzig und alleine beim Aufräumen braucht es den einen oder anderen liebevollen Hinweis des Klassenvorstandes.

 

13.00–16.00 Uhr: Lerncoaching, Geschichte & Biologie

Der Nachmittag steht unter dem Motto „Offenes Lernen“ zum Thema „Das alte Rom“. Doch schon habe ich dazugelernt und erwarte nicht mehr naiv, dass Offenes Lernen für „uns“ Lehrer heißt, sich einmal zurückzulehnen und zu entspannen. Denn wo es Stoff zu lernen gibt, da sind Schüler, die Fragen haben. „Frau Poppenwimmer, können Sie mir helfen?“. „Frau Poppenwimmer, ich hab eine Frage“. Frau Poppenwimmer. Frau Poppenwimmer. Frau Bobbenwimmer. Frau Bobbenwimmer. (Auch die Schüler sind schon müde!) Was bei mir bereits ein nervöses Zucken im Augenwinkel auslöst, scheint Lehrerin Poppenwimmer gar nicht aufzufallen. Der Hilferuf der Schüler natürlich schon, der überdurchschnittliche Gebrauch unseres Nachnamen nicht.
Das ist Lerncoaching – was total trendy und progressiv klingt, hat schlicht und einfach zum Ziel, den Schülern zu vermitteln, wie sie sich Stoff am besten aneignen. Wo kann man sich Hilfe holen? Welche Quellen, vor allem online, sind zuverlässig? All das lernen die Schüler anhand der Aufgaben im Offenen Lernen.

 

16.00 Uhr–17.00 Uhr: Lernzeit

Der Name spricht für sich. In der Lernzeit können die Schüler die Aufgaben des Tages erledigen und fragen, wenn sie sich wo nicht auskennen. Das Gute daran: sie haben eine gewohnte „Lernatmosphäre“und werden daher nicht durch Geschwister, Fernseher oder Eltern abgelenkt. Das Spannende für mich – als Lehrer muss man sich also nicht nur in „seinen“ Fächern auskennen, nein, man muss die komplette Bandbreite der Fächer bedienen. Ich kann mich nicht auf die Schnelle erinnern, wie ich Fläche und Volumen einer Pyramide ausrechne. Lehrerin Poppenwimmer kann es, Gott sei Dank.

Ich merke mit jeder Stunde, wie ich müder werde. Ein schneller Kaffee zwischendurch? Ein Spaziergang um den Block, um den Kopf frei zu bekommen? Fehlanzeige. Als Lehrer hat man kaum die Möglichkeit, auch nur mal fünf Minuten verdiente Ruhe in Anspruch zu nehmen. Es sei denn, man geht auf die Toilette und sperrt sich ein. Gibt aber auch schönere Orte als die Schultoilette, um zu entspannen. Denn selbst ohne Gangaufsicht – als Lehrer ist man immer als solcher erkennbar. Schnell mal wegdrehen, wenn ein Konflikt zwischen zwei Schülern ausbricht? Das geht einfach nicht. Man müsste sich schon aus der Schule beamen oder sich im Lehrerzimmer verstecken. Alleine ist man auch hier nicht und im Worst Case bricht dort vielleicht gerade ein Konflikt zwischen zwei Lehrern aus. „Wenn man selber unterrichtet, vergeht die Zeit viel schneller. Und wenn man dann merkt, dass die Vorbereitungen aufgehen, dann motiviert das zusätzlich. Der heutige Tag war mein längster, aber auch der, auf den ich mich am meisten freue, weil so viel weitergeht“, verrät mir einer der jungen Kollegen.

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17.00 Uhr: Auf Wiedersehen, Frau Poppenwimmer!

Ich bin nach 8 Stunden „Lehrer sein“ hundemüde. Und ich habe nicht einmal aktiv etwas leisten müssen. Ich möchte mit niemandem mehr reden, niemanden sehen und schon gar nie wieder unseren Nachnamen hören. Erschöpft drehe ich mich zu den Schülern und berichte über die Auswirkungen des übermäßigen Gebrauchs unseres Nachnamens. Mit einem Augenzwickern und einem kecken Lächeln auf den Lippen winkt mir eine Schülerin und sagt „Auf Wiedersehen, Frau Poppenwimmer!“ Humor haben sie noch. Diese Zwölfjährigen von heute.

Doch so gut ich mich mit den Schülern versteh, ich frage mich nach diesem eindrucksvollen Tag: Warum nehmen tausende Menschen jeden Tag wieder den „Bildungskampf“ auf sich und woher nehmen sie bitte ihre Energie? Lehrerin Poppenwimmer hat auch darauf eine Antwort: „Ich sehe als meine wichtigste Aufgabe, junge Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsensein zu begleiten und ihr Augenmerk trotz der vielen Ablenkungen, gerade in unserer Zeit, auf ihre Mitmenschen zu richten – aufmerksam, mitfühlend und hilfsbereit. Denn nur so ist das Zusammenleben auf diesem Planeten möglich, befriedigend und letztendlich beglückend. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass Wissen Macht ist. Je gebildeter und kritischer unsere Jugend ist, desto eher wird sie die durchschauen, die unter Vorspiegelung ihres Bemühens um die Allgemeinheit nur ihre eigene Macht und ihren eigenen Profit anstreben. Und morgen geh ich wieder hin und mach weiter.“ Na Gott sei Dank gibt es sie, die Lehrer.

19.00 Uhr: Nur kurz powernappen!

Erschöpft lege ich mich also nach meinem ersten Tag als „Lehrerin“ nur für fünf Minuten auf die Couch, um den Tag Revue passieren zu lassen – und wache am nächsten Tag um 6 Uhr wieder auf.
Eines ist mir klar, aus mir wird in diesem Leben keine Lehrerin mehr.

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Lehrer · Mittelschule · Pädagogik

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