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Der dritte Advent ist da. Einsatz für unsere Jenni und ihr Stammcafé. Diese Woche verrät sie uns, wie sie den Alltagstrott aus ihrem Leben verbannt und warum man sie vielleicht bald in einem Touristenbus treffen könnte. 

Wenn man in einer Hauptstadt lebt, verfällt man viel zu schnell dem Alltagstrott, der einem IMG_0241oft den Blick versperrt. Anfangs ist man gebannt von all den Möglichkeiten, es gibt so viel zu sehen, so viel zu erleben, so viel zu tun…dass man beschließt, stattdessen lieber ein Nickerchen zu machen. Man geht nur noch gewohnte Wege, erledigt nur die nötigsten Besorgungen und nimmt das alles als selbstverständlich. Man hetzt zum Beispiel an der Hofburg vorbei, weil man noch einen Termin hat oder steht schon entnervt wartend an der Straßenbahn-Station, ohne die nahegelegene Votivkirche auch nur eines Blickes zu würdigen. Man sprintet über den Stephansplatz, nur um zum nächsten Starbucks zu gelangen und glaubt zudem, dass Kaiserin Elisabeth tatsächlich so ausgesehen hat wie Romy Schneider.

„Da gehen doch nur Touristen hin.“ war einmal die Antwort eines Freundes, als ich ihm einen Ausflug in Wien vorschlug. „Warum eigentlich?“ war meine Gegenfrage.

„Fahr‘ doch gleich mit einem dieser Doppeldecker-Busse den Ring entlang.“ – „Vielleicht mach‘ ich das ja.“ Irritierte Blicke seinerseits. Wurscht.

IMG_1730Aber warum wirklich sollte man die Sehenswürdigkeiten einer so tollen Stadt einfach als selbstverständliche Kulisse des Alltags sehen, nur weil man eben jeden zweiten Tag daran vorbeiläuft? Sehen die Pariser ihren Eiffelturm nur als lästigen Magnet für Ausländer, die nicht mal ihre Sprache sprechen? Ist Big Ben für den typischen Londoner Bürger einfach nur ein Ding zum Ablesen der Uhrzeit und der Grund, warum es in den Subways immer so unangenehm überfüllt ist? Gehen die Berliner Tag für Tag an den Überresten der Mauer vorbei, ohne auch nur kurz daran zu denken, in was für einer wunderbaren, geschichtsträchtigen Stadt sie leben?

Das war für mich der Ansatz für einen Entschluss: Wer, wenn nicht ich als neu Zugezogene sollte all diese herrlichen touristischen Angebote nutzen, die die Stadt so bietet? Mit IMG_2595Rucksack, Kamera, bequemen Turnschuhen, Softshelljacke und Stadtplan (also quasi als Standard-Tourist verkleidet) werde ich über den Ring wandern. Ich werde eine Messe im Stephansdom besuchen, ich werde in Schönbrunn auf Sissi’s Spuren wandeln und auf jeden Fall werde ich mit dem Fiaker durch die Stadt fahren. Ich werde einen Verlängerten im Sacher trinken, mir im Kunsthistorischen Museum die Beine vertreten und den Steffl erklimmen. Ich werde ein paar Runden im Riesenrad drehen und Brathendl im Schweizer Haus essen. Ich werde über den Naschmarkt schlendern und mir von den Standlern Kostproben andrehen lassen. Vielleicht schnall ich mir auch den Jutebeutel um und bestelle Hummus und Mango Lassi im Neni. Ich werde Stunden im Museum verbringen, mir Klimts Meisterwerke ansehen und dem zarten Klang des Audioguides lauschen. Ich werde in die Oper gehen, ins Theater oder ins Ballet. Vielleicht überkommt es mich und ich besorge mir auch noch eines dieser ‚I love Vienna‘ T-Shirts und eine Sissi-Tasse.

„Und das willst du alles im Alltag unterbringen. Wie stellst du dir das vor, du Verrückte?“

Wurscht.

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