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Er ist tätowiert. Er fährt Motorrad. Und er ist Kindergärtner. Passt nicht zusammen? Von wegen. Wir haben den Pädagogen Fabian Ishibashi-Poppenwimmer, ehemaliger Kindergärtner in einem Wiener Montessori-Kindergarten, in London getroffen und über seinen Alltag, Vorurteile und den Reiz seines Berufes gesprochen.

 

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Ich habe meinen Zivildienst nach dem Ausschlussprinzip gewählt und dann als Kindergärtner angefangen und ein Jahr bei KIWI (Anmerkung: Kinder in Wien) als Kindergärtner gearbeitet. Dabei habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern viel Spaß macht und mir war sofort klar, dass ich auch in Zukunft mit Kindern arbeiten will. Damals wusste ich aber noch nicht, in welchem Altersbereich und habe deswegen begonnen, auf Lehramt zu studieren, um Volksschullehrer zu werden. Ich bin dann aber bald wieder zu meinen Anfängen zurückgekehrt und hab im Kindergarten angefangen.

 

Was macht für dich den Reiz an der Arbeit als Pädagoge aus?

Ich finde, der Reiz daran ist, dass man keinen genauen Lehrplan hat, dem man folgen muss, sondern sich sehr an den Interessen der Kinder orientieren kann. Im Kindergarten sind die Kinder noch total offen in alle Richtungen.

Gerade in der Altersspanne im Kindergarten ist man bei sehr vielen essentiellen Schritten dabei, die die Kinder machen. Ich bin dabei, wenn die Kinder zum ersten Mal mit dem Dreirad fahren, zum ersten Mal einen Stift in die Hand nehmen oder zum ersten Mal versuchen ihren Namen zu schreiben. Da sind so viele Erlebnisse, die etwas ganz Besonderes sind.

Am Ende des Tages gibt mir so etwas viel mehr, als wenn ich stundenlang hinter einem Laptop sitzen würde. Man ist so nah an den wichtigen Dingen im Leben dran und das das ganze Jahr über. Im Sommer geht man mit den Kindern schwimmen, im Herbst lässt man einen Drachen steigen und im Winter baut man einen Schneemann – als Kindergärtner ist es dein Job, mit den Kindern die Jahreszeiten und die kleinen Dinge des Lebens zu genießen. Ich finde, das ist ein gutes Motto für das ganze Leben.

 

Was macht für dich das besondere an Montessori aus?

Für mich ist es einerseits der sehr respektvolle und am Kind orientierte Umgang. Wir nehmen die Kinder ernst und begleiten sie auf liebevolle Art und Weise. Es gibt für das soziale Zusammenleben natürlich Regeln und wir legen viel Wert darauf, dass die Kinder achtsam miteinander umgehen und dass sie lernen, Dinge selbstständig zu tun. Uns ist auch wichtig, dass wir Vorbilder sind und die Dinge, die wir von den Kindern verlangen, auch selber machen.

Andererseits sind es die Montessori-Materialen, die den Kindern schon von klein auf zur Verfügung stehen. Die Lernmaterialien sind für jeden Lernbereich vorhanden und selbsterklärend. Entweder brauchen die Kinder gar keine Hilfe oder es reicht, es ihnen ein paar wenige Male vorzuzeigen. Die Kinder können immer frei wählen, welche Materialien sie verwenden wollen. Das Prinzip zieht sich bis in die AHS, wo die Lehrer es schaffen müssen, sich an den Kindern zu orientieren. Sie müssen ihnen das geben, was sie gerade brauchen und dürfen trotzdem nicht den Überblick verlieren, damit kein Bereich vernachlässigt wird – der Stoff wird einfach über das Jahr viel freier verteilt. Dadurch bist du sehr selten in einer Situation, wo du Kinder zu etwas überreden musst, was sie gerade nicht wollen – du schlägst ihnen etwas vor und die Kinder, die es interessiert, sind dabei und die anderen machen halt etwas anderes.

 

Was macht für dich die Arbeit mit Kindern aus?

Mir macht es Spaß, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. Man hat so viel mehr Erfolg, wenn man sich ruhig und entspannt hinsetzt und einem Kind erklärt, warum man es nicht okay findet, wenn es einem anderen eine drüberzieht, als wenn du nur sagst „Jetzt geh hin und sag Entschuldigung – hauen tut man nicht“. Wenn man den Kindern mit Respekt begegnet, lernen sie viel schneller. Wenn sie sehen, dass man sie ernst nimmt, dass man das Problem dahinter sieht und nicht nur was gerade passiert ist.

Das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber natürlich ist es schön zu sehen, wie viel von den Kindern zurückkommt und wie sie sich freuen dich in der Früh zu sehen. Man bekommt ja ständig Feedback von den Eltern. Und wenn die sagen, die Kinder reden über einen zuhause und haben einen gern, dann ist das ein gutes Gefühl.

 

Wie haben die Kinder und Eltern auf dich als männlichen Pädagogen reagiert?

Unglaublich positiv. Es gab nie Skepsis oder Widerstand. Durch die Bank waren die Reaktionen positiv und die Eltern haben gemeint, wie gut sie es finden, weil es viel zu wenig Männer in dem Bereich gibt. Gerade heutzutage, wo es oft so ist, dass Partnerschaften auseinandergehen und die Kinder keine männliche Bezugsperson haben oder zumindest keine, die jeden Tag präsent ist, ist es super, wenn sie im Kindergarten einen männlichen Einfluss haben.

Wieso denkst du, dass so wenige Männer den Beruf des Kindergartenpädagogen ergreifen?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt sicher immer noch Vorurteile, dass es in dem Beruf nur darum geht, Glitzer aufzukleben und Windeln zu wechseln. Ich bastle auch nicht gerne, aber ich gehe gerne ins Freie und mache gerne Experimente mit den Kindern und dann ist eben das mein Bereich. Natürlich muss man Windeln wechseln, aber das ist nur ein sehr kleiner Teil der Arbeit. Ich glaube, viele Männer sehen, wenn sie an den Bereich denken die Sachen, die von Leuten als typisch feminine Sachen betrachtet werden. Aber es ist nichts uncool daran, wenn ein Typ dasitzt, Gitarre spielt und mit den Kindern singt oder Kuchen bäckt. Das sind ja keine Sachen, die nur Frauen machen, sondern die Männern und Frauen Spaß bereiten. Ich glaube, dass es einfach mangelndes Wissen ist und die alten Vorurteile.

 

War es für dich jemals Thema, dass du in einer „Frauendomäne“ tätig sein wirst?

Für mich persönlich war es nie ein Problem, aber ich habe es im Freundeskreis schon gemerkt, dass diese Vorurteile gekommen sind – von wegen Windeln wechseln und so. Es gab ein bisschen Spott am Anfang, aber das hat sich in Grenzen gehalten. Es hat sich bald eingestellt bzw. habe ich selber gemerkt, wie privilegiert ich bin, wenn alle an einem schönen Sommertag in ihren Büros gesessen sind und ich braungebrannt heimgekommen bin, weil ich den ganzen Tag mit den Kindern im Wald oder Schwimmen war. Es ist ein Job, der sich oft nicht wie Arbeit anfühlt. Du hast einen schönen Tag mit Kindern und dabei lernen sie etwas und entwickeln neue Fähigkeiten. In meinem Freundeskreis habe ich das vorherrschende Bild des Kindergärtners definitiv verändert.

 

Waren deine Tattoos jemals ein Problem in deinem Beruf?

Überhaupt nicht. Die Kinder waren sehr interessiert – den meisten Kindern fällt es zu Beginn auf und sie fragen ob es permanent ist oder nicht. Hin und wieder ist es Thema – dann wollen sie sich selber tätowieren und malen sich den Arm voll oder malen auf meinen Tättowierungen. Eigentlich aber nur, solange es für sie neu ist und nach zwei Wochen ist das dann wieder vorbei und sie sprechen es kaum noch an. Die Eltern haben selber immer öfter Tättowierungen, meistens nicht in dem Ausmaß wie bei mir, aber die Kinder wissen, dass man die Haut tätowieren kann. Auch die Eltern, die keine Tattoos haben und dem kritisch gegenüberstehen, haben das nie zum Thema gemacht. Ich habe oft von Eltern gehört, dass sie es gut finden, dass ich einen Irokesen hatte und Motorrad gefahren bin – die fanden es gut, dass es mal so eine Bezugsperson gibt.

 

Hast du eine liebste Erinnerung in all deinen Jahren als Kindergärtner?

Das ist schwierig. Ich mache das jetzt das achte Jahr, da gibt es unheimlich viele lustige und schöne Erinnerungen. Manchmal sagen die Kinder Sachen aus dem Nichts heraus, die einen berühren. Ein Vierjähriger hat beispielsweise einmal gesagt „Ich finde Religion sollte heißen, dass sich alle Menschen lieb haben“. Wenn man sowas hört – das werde ich mir sicher für immer merken. Immer wieder erzählen Eltern, mit denen ich noch Kontakt habe, obwohl die Kinder schon Jahre lang nicht mehr im in der Kindergruppe sind, dass sie immer noch von mir reden und sagen, sie wollen wieder zurück in den Kindergarten. Daran merke ich dann, dass ich meinen Job gut gemacht habe.

 

Glaubst du, dass du so gut bei Kinder ankommst, liegt daran, dass du ein Mann bist oder an deiner Persönlichkeit?

An meiner Persönlichkeit. Aber ich denke schon, dass gerade so körperliche Sachen, wie die Kinder auf sich reiten lassen, sie hochheben oder raufen oft Männern eher liegen als Frauen. Bisher hatte ich nie Kolleginnen, denen das Spaß gemacht hat oder die gesagt haben „Komm, wir klettern jetzt auf diesen Baum oder rollen über den Boden“.

Das sind aber Aktivitäten, die Kindern sehr gerne haben und die dich auch schnell mit ihnen verbinden. Natürlich können Frauen das genauso gut, ich persönlich habe es aber kaum erlebt. Mir liegen einfach bestimmte Aktivitäten und die Art, wie ich mit den Kindern umgehe, der Respekt, mit denen ich ihnen begegne und der Humor, den ich hineinlege, dadurch habe ich sofort einen guten Draht.

Ich habe oft gemerkt, dass Pädagogen, die viel mehr Erfahrung und Ausbildungen hatten als ich, von den Kindern weniger akzeptiert wurden – dem Kind ist es egal, ob du jedes Montessori-Material auswendig kannst. Ihm ist wichtig, dass du es auf den Schoß nimmst und ihm ein lustiges Lied vorsingst. Es ist immer ein Vorteil, wenn man mehr Wissen und Ausbildungen hat, weil es einem in vielen Situationen hilft, aber diese Grundeinstellung, die muss man haben und die kann man auch nicht lernen. Diesen Job kann man einfach nur machen, wenn man Kinder mag und es einem Spaß macht.

 

Was rätst du Burschen, die Kindergärtner werden wollen, denen aber mit Spott begegnet wird?

Ich glaube den Menschen muss bewusst werden, was für ein wertvoller Beruf das ist. Gerade in den ersten Lebensjahren der Kinder wird die Basis für alles, was danach kommt, gelegt. Für jeden sollte logisch sein, dass das ein Job ist, der nicht nur von Frauen betrieben werden sollte. In allen Lebenslagen ist es bereichernd, eine weibliche und eine männliche Bezugsperson zu haben, beide Sichtweisen zu sehen und von beiden Seiten etwas mitzubekommen. Das kann ich nur jedem sagen: Wenn man gern mit Kindern zusammen ist, ist Kindergärtner ein sehr schöner und abwechslungsreicher Beruf. Natürlich hat man immer im Hinterkopf, dass die Kinder was lernen und gefordert werden sollen, aber die meiste Zeit verbringe ich damit, mit den Kindern Spaß zu haben und ihnen eine gute Zeit zu bereiten. Mit den Kindern die schönen Seiten des Lebens zu genießen – das ist eigentlich der Job. Darum geht es. Dass die Kinder Spaß haben, glücklich sind und das Leben genießen. Das ist dein Beruf, wenn du Kindergärten bist – und das ist ziemlich leiwand.

Foto-Credits: Hannah Poppenwimmer

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