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Redakteurin Melanie war für euch im Leopold Museum und hat sich die Ausstellung „Trotzdem Kunst!“ angesehen. Was sie über Österreichs Kunst zwischen 1914-1918 zu sagen hat, lest ihr bei uns.

„Fressend am Horizonte der Welt
hat ein Feuer hochgegrellt;
dunkle Schwaden schwingen sich auf,
Blitze zerwirken das Wolkengehauf,
krächzende Vögel stossen hernieder
mit gesträubtem Eisengefieder:
Krieg!“

So lautet der erste Absatz von „Krieg“, einem Gedicht von F. T. Csokor, Poet und Dramatiker des expressionistischen Österreich. Gefunden hat es VIENNARAMA in einer der düster beleuchteten Ausstellungsräume der neuen Ausstellung „Trotzdem Kunst!“ in der Tiefetage des Leopold Museums. Dort ist eine neue Ausstellung beheimatet, die sich zum hundertjährigen Jubiläum des 1. Weltkriegs jener Kunst widmet, die durch den Krieg und trotz des Krieges zustande kam.

Noch nie, wie die Kuratoren in der Pressekonferenz anmerken, wurde gezeigt, wie Schiele und Konsorten durch den Krieg gegangen sind; den Krieg nicht akzeptiert haben, ihn als lästiges Ärgernis gesehen haben (und wahrscheinlich als weitaus mehr, so möchten wir anmerken) – und trotzdem Kunst produzierten. Wie Elisabeth Leopold zufügt, sei dies hier keine Kriegsausstellung. Im Gegenteil, es sei eine Anti-Kriegsausstellung.

Ob das stimmt, findet am besten jede/r für sich selbst heraus – eine Anti-Kriegsausstellung per se ist es nicht unbedingt. Das muss sie aber auch nicht sein, denn die Ausstellung erleuchtet die Todesmaschinerie „1. Weltkrieg“ umfassend genug, um die Konsequenzen fehlgeschlagener Diplomatie und Politik zu verstehen. Etwas, das auch im Hier und Jetzt für ernüchternde Einsicht sorgt.

Die Ausstellung zeichnet zum Einen minutiös die Kriegs-Erfahrungen von Schiele, Egger-10404042_10203882431331040_8296418981792086420_oLienz, Kolig und Kokoschka auf, sei es durch die Kunst selbst, die in der Kriegszeit entstanden sind, oder durch Tagebucheinträge, Korrespondenzen und Briefe. Zum anderen wird die Ausstellung durch Beiträge kontemporärer Künstler vervollständigt, vor allem aus jenen Ländern, gegen die Österreich-Ungarn an der Front kämpfte. Kokoschkas Selbstbildnis, angefertigt nach seiner Rückkehr von der Front, verdeutlicht die Traumatisierung des Kriegs: in dunklen Farben gehalten, die Hand ans zermürbte Gesicht gelegt.

1915 schreibt Egon Schiele an Anton Peschka: „[…] ich weiss noch nicht, was ich beim Militär zu tun haben werde – Böhl[er] tut mit Hoffm[ann] Schritte, damit ich als „Kriegs- & Schlachtenmaler“ in’s Kriegspressequartier komme, wenn dies geht, so könnte ich das Bedeutendste Werk über unseren Krieg machen.“ Der Titel der Ausstellung weist auch auf den florierenden Kunstmarkt während des Krieges hin. Künstler wurden angehalten das Land in ihrer Kunst zu unterstützen – Propaganda, zentriert in dem damaligen „Kriegspresseqartier“ der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Die Ausstellung geht aber auch über Schilderungen hinaus. So kann man zum Beispiel über Video das Begräbnis von Kaiser Franz Joseph I, vom 30. November 1916 in Wien nachverfolgen und Werbeplakate für Kriegsanleihen betrachten.

Übrigens: Die rote „Fratze“, die man in Wiens Ubahn-Stationen immer wieder auf dem Ausstellungsplakat erblickt, ist ein Selbstporträt von Egon Schiele. Rot eingefärbt und auf das Gesicht fokussiert, erschien es als Titelbild der Zeitschrift „Krieg“. Das Rot verweist vor allem auf eines: „Der Kriegt kommt aus dem Blute in die Welt“ (Robert Müller 1884-1927).

10416639_10203882426050908_7584711036078238336_nVIENNARAMA-Fazit: Es ist 100 Jahre her, dass der erste Weltkrieg begonnen hat. Anlass genug, um sich in die Tiefetage des Leopolds zu wagen und sich mit der Kunst aus dieser Zeit auseinanderzusetzen. Wie schon Stefan Zweig im August 1914 anmerkte: „Weltgeschichte ist grauenhaft von der Nähe“. Nah herantreten sollte man aber trotzdem an die ausgestellten Werke – denn sie sprechen für sich selbst.

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