Wort am Sonntag

Man kann ihnen nicht entkommen. Und auch wenn man sich einbunkert – sie sind da! Die Christkindlmärkte öffnen ihre Hütten und läuten Weihnachten 2016 ein. Marlene und Hannah haben darüber gesprochen und sind rechtzeitig zum Wort am Sonntag wieder unterschiedlicher Meinung. Zauberzuckerwatte oder Gegröhle? Was meint ihr?

Marlene: Pro – von Zauberzuckerwatte und Kinderfreuden


13444142_1165690960130197_228844273_n-480x524Ich geb’s zu. Auch ich war lange Zeit ein Christkindlmarktverächter. Denn als Wienerin darf man schon behaupten, dass man – wenn man nicht mit felsenfester Freude dagegenhält – vom öffentlichen Raum zur Diskreditierung der einfachen Freuden herangezogen wird. Zumindest diejenigen, die auch für Touristen zugänglich sind, werden einem rasch vergällt. So wie die Christkindlmärkte.
Zu viele Menschen. Zu teuer. Zu laut. – Auf jeden Fall zu viel, lautet meist das vernichtende Urteil. Aber je älter man wird, desto mehr freut man sich wieder über die einfachen Dinge, die einen schon als Kind fasziniert haben. Denn als Kind kennt man keine Hektik. Darum wird auch der Christkindlmarkt, wenn man einmal einen ganzen Tag frei hat und sich kein Zeitlimit setzt, wieder zu der Wunderwelt, die sie ist.

Da ist der Stand mit den spiegelglatten, rosa kandierten Äpfeln, die man mit ebenso glänzenden, speichelleckenden Augäpfeln befunkelt. Die duftenden, gebrannten Mandeln in Stanitzeln mit grünen, rosa oder blauen Herzen. Und auch die Zuckerwatte ist nicht weit. Wie aus dem Nichts wird sie um einen dünnen Holzstab gesponnen, der dadurch zum Zauberstab wird. Der Zauberer (aka Standler) bewegt ihn in ruhigen, selbstverständlichen Kreisen, als ob er in einem großen Kessel rühren würde und in seinem ganzen Leben nie etwas anderes getan hätte. Nicht einmal hinsehen braucht er und weiß trotzdem, wann das Wölkchen die richtige Größe erreicht hat.
Den Punschstand erkennt man meist schon an der glühenden Menschentraube, die davor angeschwemmt wurde und mit roten Bäckchen lacht und quiekt. Ein Heferlkampf um Pfand und Zuckerfluss. Rum oder Gin, Schlagobers oder Früchte, Silberkügelchen oder Ingwerstücke – hier ist für jeden etwas dabei!
Die Bienenprodukte in ihrem satten, goldnektarfarbenen Licht wecken die Sehnsucht nach langen Sonnentagen. Bis dahin tröstet man sich mit einem süßen Löffel Honigsonnengold im Tee. Da locken schon handgeschöpfte Seifen die Nase und duftende Blüten rufen zugehörige Wiesen in Erinnerung, die man schon längst vergessen hat über „die wichtigen Dinge des Lebens“, die sich meist auf Bildschirmen befinden.
Am Christbaumschmuckstand schließlich könnte ich Stunden verbringen – und jedem meiner Verwandten und Bekannten ein kleines Stück aussuchen. Doch wer freut sich noch über so etwas Unbedeutendes?, frage ich mich desillusioniert. Wer sieht die Liebe und Bedachtsamkeit, mit der man aussucht? – Kinder!, antworte ich mir plötzlich in Gedanken. Und prompt suche ich zwei Glasengerl für meine Halbschwestern aus. Hier schließt sich der Kreis. Denn das ist meiner Meinung nach das Geheimnis: Wieder wie ein Kind zu werden, um nicht alles verstehen zu müssen und deshalb mehr zu verstehen. Zum Beispiel die Faszination von Christkindlmärkten.

Hannah: Contra – von gegröhlten Weihnachtsliedern

Es weihnachtet sehr. Da liegt es also auf der Hand, dass unser heutiges „Wort am Sonntag“ sich auch mit11899782_10207252342524745_8771184685491793585_n-558x558 einem weihnachtlichen Thema beschäftigt. Weihnachtsmärkte, zu „österreichisch“: Christkindlmärkte. Was die meisten Menschen wahrscheinlich zu Frohlocken verleitet und die Weihnachtsstimmung in unerwartete Sphären pusht, löst bei mir unschöne Gefühle aus.Versteht mich nicht falsch – ich LIEBE alle Leckereien, die man erstehen kann, befürworte die Präsentation von weihnachtlichen Gütern und auch gegen einen Punsch habe ich nichts einzuwenden. Was ich nicht mag, sind die Menschen. Mit Weihnachtsmärkten ist es doch so. In Gedanken ist es immer viel besser als in der Realität. Das verklärt-romantische Bild wird schon in der ersten Sekunde von Glühwein transpirierenden Betrunkenen zerschmettert. Denn sind wir uns ehrlich – Weihnachtsmärkte sind die Rechtfertigung dafür, sich einmal maßlos mit Punsch und Glühwein zu betrinken und Weihnachtslieder zu gröhlen. Statt von Stand zu Stand zu schlendern, klammert man sich an seinem überteuerten Punsch fest und hofft, dass einen niemand blöd von der Seite angeht. Ist man doch motiviert, sich das reichliche Angebot anzusehen, schiebt man sich seine Tasche beschützend durch die Menschenmassen und hofft, dieses Weihnachten doch noch lebend zu erreichen.

Ja, das ist vielleicht übertrieben, aber so fühlt es sich für mich an. Bei all diesen Bürden schaffe ich es meist nicht mehr, mich an der Dekoration, den weihnachtlichen Gerüchen und der Musik zu erfreuen. In meinem Hirn dominieren die Gedanken: Mir ist kalt. Hier sind alle betrunken. Und: Wenn ich noch einmal geschubst werde, zuck ich komplett aus.
Man kann sich also vorstellen, wie viel Spaß es macht, mit mir auf einen Christkindlmarkt zu gehen. Gar keinen. Meine Lösung für dieses Jahr: Ich lade meine Freunde auf selbstgemachten Punsch zu einem Bastel- und Back-Date in meine dekorierte Wohnung ein. Dort sind selten betrunkene Menschen und die Heizung kann auf’s Maximum geschaltet werden. Weihachten – ready, when you are.

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