Wort am Sonntag

Da ist er wieder, der Sonntag. Und bei uns von VIENNARAMA dreht sich das dazugehörige Wort am Sonntag diesmal um den Bezirksstolz. Ob Geburtsviertel oder Wahlwohnen, Favoriten oder Innere Stadt – Hannah und Marlene haben natürlich eine Meinung. Und zwar – wie könnte es auch anders sein – zwei entgegengesetzte. Wer seinem Bezirk die ewige Treue schwört? Wer liest, weiß mehr.

 

Hannah – PRO: „Jeder, der mich länger als 5 Minuten kennt, weiß, ich bin nicht nur Wienerin, nein, ich bin Brigittenauerin.“Hannah

Jeder, der mich länger als 5 Minuten kennt, weiß, ich bin nicht nur Wienerin, nein, ich bin Brigittenauerin. Das ist nicht nur lieblicher Bezirksstolz, nein, für meine Mitmenschen ist das vor allem eines: anstrengend. Ich bin wie die nervige Freundin, die frisch verliebt ist und nur Gutes über den Liebsten zu berichten weiß. Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst. Ich kann aber eben nicht raus aus meiner Haut. Macht aber nichts. Denn diese Liebesgeschichte dauert nun schon über 27 Jahre lang an. Drei Umzüge hab ich hinter mir und ja, ich lebe, seit ich auf der Welt bin, in der Brigittenau und habe auch nicht vor, das irgendwann zu ändern.

Kürzlich bin ich von einer Wohnung im 20ten in eine andere Wohnung im 20ten gezogen. Das war für mich von Anfang an klar. Das hat mir vor allem eines eingebracht: Kritik. Ich bin engstirnig, nicht offen für Neues und unflexibel. Aber ich sehe das so: Wenn man glaubt, die Liebe seines Lebens kennengelernt zu haben und seit 27 (!!!) Jahren in einer harmonischen Beziehung lebt, dann denkt man sich ja auch nicht „Vielleicht sollte ich noch mit 100 – ja, ich weiß, maximal 22 – anderen Menschen schlafen. Vielleicht geht’s ja noch besser.“ So ein Mensch bin ich nicht. Außerdem ist die Brigittenau für mich das Non plus ultra.

Zum einen kann ich von meiner Wohnung aus in maximal 20 Minuten ALLE meine engen Verwandten besuchen. Die meisten sogar in unter zehn Minuten. Zum anderen finde ich hier die perfekte Kombination aus Urbanität, Natur und einem großartigem  Kulturenmix. Ich bin in einer halben Stunde ÜBERALL in Wien und kann auch in kürzester Zeit in der Natur sein. Ob Donaukanal, Augarten oder Prater, alles quasi vor der Wohnungstüre. Hach, Brigittenau. Hier habe ich Fahrrad fahren gelernt, bin ich in die Volksschule gegangen, habe meine erste Wohnung bezogen und hoffentlich werde ich auch noch, wenn ich alt und runzlig bin, am Hannovermarkt einkaufen. Wie bei jedem Verliebten ist es aber nun mal auch so, dass man blind für Schwächen ist und empfindlich auf Kritik reagiert. So ist das auch bei mir. Ich kann Kritik gegenüber der Brigittenau – besonders, wenn sie auf offensichtlich oberflächlichem und unfundiertem Wissen fußt – nicht akzeptieren. Das reicht so weit, dass ich Menschen einen „Brigittenau-Erlebnistag“ anbiete, an dem ich ihnen die schönen Seiten des Bezirks zeige. Hat verwunderlicherweise noch nie jemand angenommen. Versteh ich gar nicht. Mein Angebot steht. Und ich sag es euch – gebt der Brigittenau noch fünf Jahre, dann ist sie – ähnlich wie der zweite Bezirk – ein Boboparadies und dann werden uns alle cool finden. Ich werde dann gönnerisch lächeln und sagen: „Ich habe es euch schon IMMER gesagt.“ Ach Brigittenau, ich liebe dich. Aber ich hab gehört, auch andere Bezirke sind okay in Wien. Hörensagen halt.

MarleneMarlene – CONTRA: „Das Wichtige für mich als Alsergrundlerin ist, dass es mir egal ist.“

Wie kann man stolz sein auf einen Bezirk? Das ist die erste Frage, die mir beim Schlagwort „Bezirksstolz“ durch den Kopf schießt. Klar, ich verstehe das Konzept. Und ja, ich sehe auch einige Klischeemaxerl vor mir, die sowas sagen wie: „Zehnte Bezirk ist beste Bezirk!“ oder „Also ich hab noch nie wo anders gewohnt als in Döbling und will’s auch nicht.“ Wobei wir bereits bei derartigen Aussagen genauer hinsehen müssen. Denn: Wenn jemand solch eine bezirkswertende Aussage tätigt, so kann es schließlich auch sein, das der-/demjenigen der Bezirk einfach sehr gut gefällt – infrastrukturell oder menschlad oder weil’s ruhig ist oder auch, weil immer etwas los ist. Das ist in meinen Augen genehmigt: jeder hat eine Meinung und darf diese auch kundtun. Kritisch wird’s für mich erst dann, wenn eine Selbsterhöhung ob der selbsternannten Non-plus-ultra-Postleitzahl und eine Abwertung anderer aufgrund der abweichenden Adresse stattfindet. Auch hier erstellen viele eine spannende Bezirke-Hierarchie, die meist auf arbiträren Faktoren beruht.

Faktor Nr. 1: „Da wohn ich, da kenn ich mich aus. Du hast ja keine Ahnung, wie leiwand’s da nicht ist, wenn du dich auskennst/die und den kennst/einmal weißt, wo du da nicht gleich überall bist.“
Faktor Nr. 2 (optional): „Ich bin da aufgwachsen. Ich kann mich noch erinnern, wie da das war und noch nicht das. Das waren noch Zeiten. Aber … (Bezirk einzusetzen) wird immer mein … (denselben, d. h. keinen anderen Bezirk einsetzen, sonst funktioniert’s nicht) bleiben.“
Faktor Nr. 3: „Der … (anderer als präferierter Bezirk einzusetzen) ist auch okay – da bin ich öfters, weil da wohnt ein guter Freund/eine gute Freundin von mir.“
Faktor Nr. 4: „Der … (anderer verschmähter Bezirk einzusetzen) is orsch – da ist mir … passiert (= meistens: war einmal irgendwer ungut).“
Faktor Nr. 5 (und leider noch immer Thema): „Der Bezirk is orsch, weil da sind so viele Ausländer.“

Okay, natürlich sind dies ebenso willkürlich ausgewählte arbiträre Faktoren, die mein Langzeitgedächtnis aus der Schublade „Gespräche und Menschen, die Bezirksstolz in sich einbetteten“ zieht und wahrscheinlich könnte man diese Liste endlos und individuell für jeden einzelnen Bezirk fortsetzen. Macht aber keinen Spaß. Das Wichtige für mich als Alsergrundlerin ist, dass es mir egal ist, Alsergrundlerin zu sein, (wenn das denn überhaupt ein Sein sein kann). Ich war schließlich in Währing, Hernals, Neubau, aber auch in Eibesbrunn (ein überschaubarer Ort in NÖ) genauso glücklich/unglücklich/großartig/nichtssagend wie im Alsergrund.
Hauptsache, ich kann meine Miete selbst bezahlen und mich ernähren. Darauf war und werde ich immer stolz sein, sofern ich denn das Glück habe, dass es immer so sein wird. Egal, ob im ersten oder im dreiundzwanzigsten Bezirk.

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