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Diesen Sonntag haben wir wieder einmal ein sehr kontroverses Thema auf dem Tablett. Unser heutiges Wort am Sonntag beschäftigt sich mit kommerziellen Feiertagen. Wir kennen sie alle. Muttertag. Valentinstag. Vatertag. Halloween. Nicht nur die Wirtschaft beschäftigt sich mit diesen Tagen. Auch Marlene und Hannah von VIENNARAMA legen wieder los.

Hannah: Pro – lasst uns kommerzielle Feiertage zelebrieren, jeder auf seine Weise.

thumb_P2050156_1024-558x579Jetzt werden sich wahrscheinlich viele mit gerümpfter Nase fragen: Oh mein Gott, wie kann irgendjemand kommerzielle Feiertage positiv sehen?, und mich mit „Buh“-Rufen beschimpfen. Kommerziell. Pfui. Geldmacherei. Gekünstelte Zuneigung. Aufgezwungener Konsumdrang. Jooooo eh. Aber wenn wir einmal kurz in uns gehen, dann geht es bei diesen Feiertagen ja um viel mehr.

Um mehr als am Muttertag noch schnell Blumen von der Tankstelle zu holen und die Mutti dann in ein Lokal zu zerren, wo man sich dann stundenlang anschweigt. Um mehr als dem Liebsten am Valentinstag einen kitschigen Teddybären mit Plüschherz mit der Aufschrift „Ich liebe Dich“ Oder „Du bist meine Zuckerschnecke“ zu kaufen.

Auch an kommerziellen Feiertagen gilt es hinter die Fassade zu blicken und sich zu erinnern worum es geht. Ja, wir sollen unsere Mütter und Väter 356 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag ehren und ihnen das Gefühl geben, dass wir glücklich sind, sie unsere Eltern nennen zu können. Wir sollten unserem Partner jeden Tag das Gefühl geben, dass er der einzig Wahre ist. Dass uns seine herumliegenden Socken und sein schauriges Schnarchen nicht den letzten Nerv rauben und wir ab und zu das Bedürfnis haben, sein Rasseln mit einem Polster zu ersticken.  Aber tun wir das? Nein, tun wir nicht.

Und genau deswegen erfüllen auch kommerzielle Feiertage ihren Sinn. Denn wir nehmen uns Zeit für unsere Mitmenschen, wir sagen ihnen, wie viel sie uns bedeuten und dass es schön ist, dass es sie gibt. Und manchmal, da müssen wir in hektischen Zeiten wie diesen auch mal dazu gezwungen werden. Wenn wir unsere Liebe dann noch mit Plüschtieren, Schokolade und Blumen mehr Ausdruck verleihen können – warum nicht?  Wen juckt’s? Mich nicht. Deswegen überlege ich gerne, was ich meinen Eltern am Vater- und Muttertag schenken könnte. Und am Ende des Tages hab ich ja immer noch die Wahl, was ich schenke, wie ich es feiere und ob ich mich dem kommerziellen Part hingeben möchte oder nicht. Gerüchtetechnisch habe ich gehört, dass es Menschen geben soll, die sich über Plüschteddybären freuen.

Also lasst uns die kommerziellen Feiertage zelebrieren – jeder auf sein Weise. Und wer sich von der Werbung und dem Bling-Bling ärgern lässt, ist selber schuld. Denn wie bei so vielen Dingen im Leben gilt auch hier – irgendwann muss man sagen: „Muss da wurscht sein.“ Ist energiesparender und steigert die Lebensqualität. Außer Halloween. Halloween erfüllt keinen Zweck, außer die Taschen der örtlichen Zahnärzte zu füllen.

Marlene: Contra – Heuchelei gibt es genug auf der Welt.

Alleine die Buchstabenzusammensetzung von „kommerzielle Feiertage“ VR-foto-neu-558x558lässt meine Batteriemagensäure aufschwappen. Ja, natürlich kann so ein mit Liebe gewidmeter Tag der Mama gut tun. Der positive Zwang, der manch älteres Kind aber erst dank Fernseh- und Radiowerbung (oder neuzeitlicher: personalisierter Facebook Ads) zum Telefon, Blumen beim Bahnhof oder Milkaherz an der Tankstellenkasse greifen lässt, ist mir aber ein Greuel.
Da ich ein Mensch der radikalen Ehrlichkeit, auch und vor allem im Handeln bin, bin ich auch hier für: ganz oder gar nicht. Entweder regelmäßig hören oder auch nicht am Muttertag. Heuchelei gibt es genug auf der Welt. Ich bin überzeugt, wir brauchen nicht für alles einen (inter)national festgelegten Tag, der dann bedeutungsschwanger über die Bildschirme in den U-Bahnstationen flackert.
Selbst denken und handeln. Dafür würde es sich fast lohnen, einen Tag einzuführen. (Jo eh.)

Denn eines ist offensichtlich, wenn ich reflektiere: Meine Mutter hat mich geboren und bestmöglich erzogen. Wie viele andere Frauen zuvor und wie viele noch kommende Generationen wollte sie, dass ich nicht unter den Erziehungsfehlern leiden müsste, die ihr das Kinderleben vielleicht schwerer vorkommen ließen als sie es sich gewünscht hätte. Sie hat sich in meiner Kindheit nicht über meine Bedürfnisse gestellt und mit mir als Selbstverwirklichungsinstrument gespielt. Immer wenn ich Kinder bei Castingshows sehe, die ihre Mütter mit der Leistung stolz machen wollen, die die Mutter gerne selbst gehabt hätte, danke ich Gott wieder dafür, dass meine Mutter mich selbst entscheiden ließ. Zum Beispiel nie wieder in die Ballettstunde zu gehen, weil die Trainerin auf meinen schon damals oft falsch interpretierten, ernsthaft konzentrierten Blick mit einem schroffen „Was schaust du mich so bös an?“ reagierte. Und auch wenn ich ihr nicht immer gerne Recht gegeben habe, so hat sie doch schon früh mit mir eine Na-no-na-ne-Weisheit des Lebens geteilt: “Freunde und Partner kommen und gehen – deine Mutter ist immer da.”

Der Vatertag ist dementsprechend gleichermaßen irrelevant – und ich denke, mit meinem Vater verbindet mich wahrscheinlich sogar der Umstand, dass wir beide nicht adhoc wüssten, wann besagter Tag genau ist.
Meinen Partner liebe ich oder er ist ganz einfach nicht mein Partner – und das sage ich auch vielen Menschen, die mir ein sehr genaues Bild, aber leider nur ein Negativbild von ihrem Lebensabschnittspartner zeichnen. Aber Hauptsache, zum Valentinstag gibt’s Schmuck und Sex oder – Version „Bridget allein zuhaus“ – Schokolade und Selbstmitleid. „Lieber gemeinsam leiden als alleine überlegen, wie das schöne Leben denn aussehen könnte.“ Das wäre mal ein Zuckergussschriftzug nach meinem Geschmack. Und nicht nur, weil das zugehörige Valentinslebkuchenherz riesig sein müsste und essen zu meinen Hobbies gehört.
Aber hey, nicht traurig sein! Wer niemanden hat am Valentinstag – das nächste Halloween kommt bestimmt: Die meisten müssen sich nicht einmal verkleiden. Schwarzer Minirock, Corsage und Vortäuschen falscher Tatsachen für die Hexe von heute und blutunterlaufene Augen und ein Schuss Aggressivität mit Narben zum Drüberstreuen für den Zombie dieser Tage.

Ein ernsthaftes Gespräch, in dem jeder sagt, was er meint, auf Basis von Gedanken, die man sich vielleicht sogar schon vorher gemacht hat. Das ist ein Anlass zum Feiern. Weckt mich auf, wenn sowas wieder im Handel ist.

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