Wort am Sonntag

Jetzt kann ihn keiner mehr leugnen. Der Herbst ist da. Juhu! Juhu? Darüber sind sich Marlene und Hannah wieder einmal nicht einig. Wer seine Flauschsocken auspackt und wer Altersmilde in sich spürt, erfahrt ihr heute. 

Hannah: Pro – von der unerwiderten Liebe des Herbstes

Hannah Poppenwimmer Wort am SonntagDieses Jahr ist etwas Seltsames passiert. Ich habe mich auf den Herbst gefreut. So richtig. Sonst treibt mir der Gedanke an sinkende Temperaturen Tränen in die Augen, nicht dieses Jahr. Ich habe wie durch eine rosarote Brille nur Wälder in den schönsten Farbnuancen visualisiert, meine Schals bereits hergerichtet, mich in die schöne Herbstjacke gekuschelt und täglich auf wetter.at nachgesehen, wann es denn soweit ist. Wann wird die Welt wieder ein wenig kuscheliger? Ich bin richtig aufgegangen in der romantischen Vorstellung des Herbst. Ein Kurzbesuch in London hat die Vorfreude auf den Wetterwechsel ins Unermessliche gesteigert. Durch Laubhaufen laufen, Kastanien sammeln, Duftkerzen, Strickpullover und Kürbisse. Herrlich.

„Geheuer war ich mir selber nicht mehr. Denn wir wissen alle, was nach dem Herbst kommt. Der niemals enden wollende Winter.“

Aber selbst dem stehe ich nicht mehr feindlich gegenüber. Woher kommt also diese Herbstsehnsucht? Ist es Altersmilde? Das Akzeptieren des Unausweichlichen oder stirbt der sudernde Wiener in mir? Vielleicht entspricht der Herbst auch meiner seelischen Grundstimmung momentan am meisten. Meine Seele läuft gerade nicht leicht bekleidet ins Meer. Sie sitzt eher im Strickpulli auf der Couch und trinkt wärmenden Kakao und schmiedet Pläne. Zukunftspläne, die viel Arbeit verlangen. Vielleicht ist das auch der Motor meiner Herbstlichkeit. Denn ich arbeite viel besser und effizienter im Herbst, und auch im Winter. Keine lebensbejahenden Aktivitäten, die einen ablenken könnten. Es wird früh dunkel, da kann man gleich daheim bleiben und noch eine extra Arbeitsschicht einlegen. Wie dem auch sei. Ich mag dich, Herbst, mit all deinen Herrlichkeiten, die du mit dir bringst. Der Herbst hat übrigens auf meinen Liebesbrief geantwortet: mit einer eitrigen Angina, einer Allergie und einem grippalen Infekt. Liege seit fast vier Wochen durchgehend im Bett. Ein, zwei gesunde Tage zwischendurch hat er mir gegönnt, der Herbst. Ich mag dich trotzdem, auch wenn ich dich zu unserer Liebe zwingen muss. Ich krieg dich, Herbst, du wirst schon sehen.

Marlene: Contra – Nomen est omenMarlene Winter Wort am Sonntag

Wenn meine Heizung gluckert und ich mir drei Mal überlege, das Haus „freizeitlich“ zu verlassen, dann, meine Lieben, ist es eindeutig Herbst. Im Sommer denke ich ja recht gerne an ihn – so ein nettes Lüftchen, raschelnde Blätter, „schick in Strick“ und andere Verromantisierungen fallen mir da ein. Die Realität sieht dann aber, wie so oft, ein bisschen realistischer (heißt: ungemütlicher) aus:

„Der Wind kommt von allen Seiten, die Herbstschühchen sind nicht wasserdicht und wenn ich nicht zu leicht angezogen ist, dann läuft mir der Schweiß unter der Haube hervor.“

Zwischendurch versuche ich manchmal positiv zu denken. Da gibt’s doch auch die Farbenpracht der Bäume, goldene Sonnenstrahlen und Kastanien und so. Aber ehe ich’s mich versehe, spricht wieder meine sarkastische Hinterkopfstimme aus dem Off: „Die siagst aber ned, weilst lieber zhaus im Warmen bleibst, als einen Spaziergang zu machen.“ Auch wieder wahr. Denn auch wenn ich es öfter ausreize als erträglich: Nomen est omen. Marlene Winter friert. Wenn sich im Sommer noch alle an meinen blutleeren Extremitäten laben oder den Kopf schütteln, wenn ich bei 33°C auch tagsüber unter einer leichten Decke brachliege, so flüchten sie ab Herbstbeginn vor den Eisklumpen, die da bei anderen Menschen noch Hände und Füße heißen.

Das einzig Gute am Herbst ist, dass man guten Gewissens zuhause bleiben kann, während andere noch im Freizeitaktivitätsmodus funktionieren. Um 19 Uhr werfe ich mich in Pyjama und Flauschsocken, streife meine mit Polyesterpelz unterfütterte Weste über und überlege, ob ich eine neue Serie anfangen und somit meine Asozialität für die nächsten Wochen besiegeln soll. Währenddessen setze ich Tee auf und öffne den Lebkuchen – es ist ja quasi schon Weihnachten. Machen wir uns nichts vor.

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Herbst · Kolumne · Wort am Sonntag

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