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„Sex in Wien“, verkünden die Plakate des Wien Museums, die dem ein oder anderen bestimmt schon ins Auge gefallen sind. Denn ein großes rosa „X“ legt sich darüber, das das Tabu bereits aufbringt, nicht aber die nackte Brust der S/W-Fotografie darunter bedeckt. VIENNARAMA hat sich die Ausstellung hinter dem „X“ angesehen.

Nackedei, eintrittsfrei!

Sex in Wien. Das kann alles und nichts sein. Mit dieser Erwartung betreten wir auch das Wien Museum bzw. stellen wir uns in die lange Schlange der Wartenden. Denn jeden ersten Sonntag im Monat pilgern kunstinteressierte Sparefrohs zum Karlsplatz, wo das Museum freien Eintritt gewährt. Dafür möchten wir an dieser Stelle – in einer Zeit, in der Wiener Kultur ein gutes Geschäft ist – einmal ein großes Lob aussprechen!

Anschlagtafel aus dem Esterhazy-Bad, 1927
Anschlagtafel aus dem Esterhazy-Bad, 1927

LUST.KONTROLLE.UNGEHORSAM

„Ab 18 Jahren!“ steht da, wie gestempelt, auf verschiedenen Werbeflächen der Ausstellung. Das unterstreicht zudem die innerhalb der Ausstellung aufgeworfenen Themen: Verbot & Fetisch, Pornografie und der Kampf der Geschlechter um Sexualität, Sex als Beruf und Sex vor Gericht. Wir werden vor nichts verschont werden – aber das wissen wir beim Betreten der ebenerdigen Räumlichkeiten noch nicht. Hier amüsieren wir uns erstmal über sexuelle Regungen unter dem Deckmantel der Wissenschaft: „Plastisch-morphologische Bildtafeln zur Differentialdiagnostik des Busens und der Nates nach Form und Größe“ war also der Playboy der Wissenschafter im Jahre 1980.

Sexpo 1971 im Wiener Künstlerhaus
Sexpo 1971 im Wiener Künstlerhaus

„Die Kunst, einen Mann zu bekommen. Zehn Kapitel für junge Mädchen besserer Stände“

Ja, das ist ein echter Buchtitel. Quasi die Frauenzeitschrift von 1904. Denn aktiv „braten“ durften die Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts nicht. „Blicke auf sich ziehen, aber nicht blicken“ war das Motto, das sich auch in der damaligen Kunst wiederfindet. Der männliche Blick dominiert und wird dementsprechend auch visuell bedient. (Dies zieht sich teilweise bis in die heutige Pornographie.) Stattdessen gab es damals eine ausgeklügelte, weibliche Symbolsprache – von Broschen über Schönheitsflecke an bestimmten Stellen kommunizierten die Accessoires für die Trägerin. Aber auch homosexuelle Vorlieben mussten verschlüsselt vermittelt werden: Hier gab es Tuchcodes. Ein in der linken Gesäßtasche gepunktetes Tuch verriet zum Beispiel: „Veranstalte Orgien!“

Laufhaus "Kontaktzone", Raaber-Bahn-Gasse, 2016, Klaus Pichler
Laufhaus „Kontaktzone“, Raaber-Bahn-Gasse, 2016, Klaus Pichler

Schnackseln! Schuastern! Pudern!

Wer eines dieser Wörter durch die Ausstellung hallen hört, ist nicht verrückt geworden. Wir haben nämlich doch längere Zeit nach der Quelle gesucht. An den Wänden wurden wir schließlich fündig: Knöpfe, die der Besucher drücken darf, verursachen die urwienerischen Ausrufe. Das macht Spaß und trägt zur Ausstellungsatmosphäre bei. Nicht selten hören wir verhaltenes Kichern oder sehen errötete Wangen der jüngeren Besuchergruppen. Doch auch ernste Themen werden angeschnitten: Die Geschichte der Verhütung mit Exponaten, wie Kondome aus Schafsdarm und Fischblasen. Die Audiospur eines Interviews mit einer ehemaligen Freud-Patientin („Freud ist für mich ein Brechmittel, ein Ekel!“). Onaniebandagen für Kinder zur Verhinderung der Masturbation um 1850. Pädophilie als Anbetung der Kindfrau an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Aber auch der Kinderstrich im Prater um 1990.

Postkarte "Wien bei Nacht - Porzelanfuhr", um 1900
Postkarte „Wien bei Nacht – Porzelanfuhr“, um 1900

Vom Fiaker über Toiletten ins Kino

Seit man Sex haben kann, kann man überall Sex haben, wo zwei Körper sind. Daher wird auch dem Räumlichen in der Ausstellung Raum gegeben. So erfahren wir, dass zum Beispiel die Fiakerfahreranweisung „Porzellanfuhr“ Codewort für eine ruhige Fahrt und ein ungestörtes Liebesspiel war. Moderner ist die Vielzahl an Fotografien, die Graffitis auf Toiletten, Sexkinos, Stripclubs, Bäder und Saunen, aber auch unauffällige Türen zeigen, hinter denen sich so manches Etablissement verbirgt. Die Ausstellung endet mit dem bedrückenden Kapitel „Nach dem Sex“, das unter anderem auch die eigenhändige, nicht selten zum Tod führende Abtreibung mit Stricknadeln o.Ä. beinhaltet. Zum Glück wird man zuletzt mit einem heiteren Video entlassen – einer Straßenumfrage: „Was machen Sie nach dem Sex?“ (Unsere Lieblingsantwort: „Warten, dass die Seele zurückkommt.“)

 

VIENNARAMA-Fazit: Viel zu sehen! Zu viel? Eine sehr umfangreiche Ausstellung, die wirklich alles zum Thema Sex in der Geschichte Wiens abzudecken scheint. Die Ausstellung ist perfekt für lange Winter-Nachmittage, an denen man die Zeit vergessen kann. Denn zu entdecken gibt es einiges. Wir wussten beispielsweise nicht, dass sogar der Wiener Walzer einmal ein anstößiger Tanz war! Letzter Tipp: Begleitung mit Sorgfalt auswählen! Nichts für Gschamige!;)

Sex in Wien – zu sehen bis 22. Jänner im Wien Museum!

Wien Museum
Karlsplatz 8
1040 Wien
Weitere Informationen

Fotocredits: Wien Museum, Imagno/Votava, Sammlung Peter Payer

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